Blog2019-10-01T21:27:12+01:00

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Keine Macht der Gewohnheit

Die größte Herausforderung der lewin’schen Psychologie, jedoch auch die, die am fruchtbarsten für die Praxis ist, ist seine Kritik am Begriff der »Gewohnheit«. Gewohnheit in Frage zu stellen, scheint aberwitzig, ist doch deren Macht sowohl in der Alltagstheorie wie in der Psychologie und in therapeutischer oder beraterischer Hinsicht ein nahezu universell einsetzbares Instrument der Analyse zur Erklärung des Nichtgelingens von Veränderungswünschen.

Und doch ist die Kritik der Gewohnheit der Ausgangspunkt von Lewins eigener Theoriebildung und die Geburtsstunde lewin’scher topologischer und hodologischer Feldtheorie.[1]

Als Lewin begann, sich mit Psychologie zu beschäftigen und seine Doktorarbeit zu planen – das war mitten während des ersten Weltkriegs –, herrschte der sogenannte Assozianismus in der sich gerade erst formierenden psychologischen Wissenschaft vor. Der Assoziationismus ging davon aus, dass sich alle innerpsychischen Vorgänge durch die Begriffe der Häufigkeit ihres parallelen oder sukzessiven Vorkommens erfassen und erklären ließen: Kausalität sei etwas, das zumindest psycho­logisch betrachtet häufig zusammen oder nacheinander stattfinde. Zwischen diesen häufig zusammen oder nacheinander stattfindenden Ereignissen werde eine »Assoziation« her­gestellt und daraus die Erwartung abgeleitet, auch in Zukunft werde das eine dem anderen folgen. Mithin fiele Kausalität mit der Gewohnheit zusammen.[2]

Der Form des Assozialionismus, für die Lewin sich begeisterte, vertrat Naziß Ach (1871-1946), der sich bereits ein ganzes Stück aus dem klassischen Assoziationismus heraus bewegt hatte und der Gestaltpsychologie zugerechnet wird. Ach beobachtete, dass Menschen durchaus in der Lage seien, gegen ihre Gewohnheit zu verstoßen und etwa die gewohnte Handlungsfolge von (a) zu (b) zu unterlassen und der Handlung (b) eben nicht (a) folgen zu lassen. Die Kraftanstrengung, um von der Gewohnte abzulassen, nannte er »Willen«. Es musste also möglich sein, durch Experimente den »Willen« zu testen, nämlich die Aufwendung von Energie zu messen, die nötig ist, um die unwillkürliche Tendenz zu unterdrücken, das Gewohnte zu tun (etwa zum Essen Wein zu trinken oder sich nach dem Essen eine Zigarette anzuzünden, auf dem Nach­hauseweg die gewohnten Straßen einzuschlagen etc.).

Lewin machte sich nun daran, ein Forschungsdesign zu entwerfen, um Achs Theorie in experimentelle Situationen um­zusetzen. Er ließ die Probanden sinnlose Silbenfolgen erlernen und aufzuschreiben. Dann forderte er die Probanden nach ­unterschiedlicher Dauer der Einübung auf, die Silbenfolgen zu variieren.

Die aus dem Assoziationismus in Achs Version abzuleitenden Vorhersagen lauteten für dieses Experiment:

  1. Je länger die Silbenfolgen eingeübt werden, um so geringer ist die Fehlerhäufigkeit.
  2. Je länger die Silbenfolgen eingeübt werden, um so schwerer fällt es, die Abänderung durchzuführen.

 

Vier Jahre lang forschte und dokumentierte Lewin seine Versuche und jede Forschungsreihe enttäuschte aufs Neue seine Erwartungen. Es stellte sich nämlich Folgendes heraus:

 

  1. Die Fehlerhäufigkeit nahm mit der Dauer der Einübung nicht kontinuierlich ab; nach eine gewissen Dauer nahm sie vielmehr zu. Diesen Effekt nannte Lewin »(psychische) Sättigung«. Die Zunahme der Fehler in den gewohnten und eingeübten Routinehandlungen konnte zwar einfach sich um körperliche Ermüdung handeln, vor allem jedoch war sie auf Überdruss zurückzuführen. Lewin stellte nämlich fest, dass ein Proband, der ab einem gewissen Punkt gar nichts mehr »auf die Reihe kriegte«, nach einer Unterbrechung oder in einer neuen Situation die Silbenreihen wieder völlig korrekt reproduzierte. Zum Beispiel forderte er den Probanden auf, die Zettel, auf denen er seine Silbenfolgen notiert hatte, in ein Kuvert zu stecken und es mit der Silbenfolge zu beschriften, damit er es später der ent­sprechenden Versuchsreihe zuordnen könne. Bei dieser Beschriftung kam es zu fast keinerlei Abweichungen, denn den Probanden war klar, dass ein Fehler der Beschriftung zu einem Fehler bei der Auswertung des Versuchs führen würde. »Sättigung« lässt sich im Alltag gut beobachten. Selbst Tätigkeiten, die man gerne tut, werden nach einer Weile »langweilig«. Routinetätigkeiten können bei nachlassender Konzentration im Chaos enden (besonders bei Tätigkeiten wie etwa dem Autofahren oder dem Führen von Maschinen kann dies in katastrophale Wirkungen münden). Andererseits kann man, auch wenn man von ­einer Tätigkeit sich völlig »übermüdet« fühlt, dann wieder konzentriert tätig werden, sobald man etwas anderes tut und zum Beispiel eine interessante Tätigkeit aufnimmt. Die Entdeckung der »Ermüdung« war der entscheidende Schlag gegen den klassischen Assoziationismus.
  2. Die Abänderung des Eingeübten ist jederzeit ohne Einfluss der Dauer, mit der die Einübung vorgenommen wurde, völlig ohne jede (Kraft-, Willens-) Anstrengung möglich. Dies war der entscheidende Schlag gegen Achs Willens­psychologie. Der spontane Einwand gegen das lewin’sche Experiment mit dem Assoziationismus lautet meiner Erfahrung nach stets: Klar, wenn es sich um sinnlose Silbenfolgen handelt, kann sich auch keine Gewohnheit herausbilden, an der festzuhalten sich lohnt und von der zu lassen eine (Willens-) Anstrengung kostet. Und genau das ist der Punkt von Lewin (und der Gestaltpsychologie in der Form, in der er sie entwickelte und vertrat): Es ist nicht die Auf­einanderfolge von irgendwas, das zu dem alltagssprachlich »Gewohnheit« Genannten führt, sondern (zum Beispiel, unter anderem) der Sinn dessen, was man hintereinander macht.

 

Es ist entscheidend festzuhalten, dass Lewins Kritik der Gewohnheit keine Nebensächlichkeit darstellt, sondern in das Zentrum seiner Theorie führt. Seine beiden Hauptsätze der psychischen Dynamik, Gegenwärtigkeit und Gerichtetheit, sind direkte Folgerungen aus seinen ersten Experimenten (die er und seine Schüler und Mitarbeiter mit weiteren Experimenten untermauerte): Entscheidend ist nicht die Gewohnheit, also das historische Hintereinander von bestimmten Ereignissen oder Tätigkeiten, sondern das, was die Ereignisse oder Tätigkeiten im gegenwärtigen Feld beeinflusst: von seiten der Person sind das die gegenwärtigen Bedürfnisse und Strebungen (der Sinn und das Ziel des Tuns: dessen Gerichtetheit); von seiten der Umgebung sind das Störungen und Widerstände (Gegenkräfte) sowie Hindernisse (Barrieren).

Was nun ist mit all den Tätigkeiten, bei denen (angeblich) eine lange »Gewohnheit« eine (angeblich) gewollte Veränderung verhindern, sei es das Rauchen, sei es eine bestimmte Routine am Arbeitsplatz. Wenn wir diese Fälle untersuchen, sehen wir mit der Kritik der Gewohnheit Lewins als Brille, dass der Begriff der »Gewohnheit« eine Rationalisierung ist, um über die Gründe nicht sprechen zu müssen, welche gegen eine Abänderung des Gewohnten sprechen: um keine Auskunft über sie geben zu müssen. Die Gründe für das Festhalten an der angeblich unveränderlichen Gewohnheit fallen formal unter zwei Kategorien:

  1. Das Gewohnte ist für den Handelnden sinnvoll. Die Aufforderung, es zu ändern, kommt von außen; und sie wird vom Handelnden als nicht sinnvoll wahrgenommen.
  2. Die Alternative zum Gewohnten bringt irgendwelche Beschwerlichkeiten oder andere Nebenwirkungen mit sich, die der Handelnde nicht bereit ist, zu (er-) tragen.

Die Gründe (Sinn-Unsinn oder Beschwerlichkeit) sind jedoch nicht diskutierbar (etwa weil es sich bei der Person, die die Veränderung initiiert, um eine Autorität oder um jemanden handelt, der institutionell mit Macht ausgestattet ist). Es kann sich jedoch auch um einen eher innerpsychischen Vorgang handeln. Jemand, der mit dem Rauchen aufhören oder der Abnehmen möchte, möchte dies allerdings erreichen, ohne Beschwerlichkeiten und Nebenwirkungen zu dulden.

 

Egal, ob es nun um therapeutisch begleitete Veränderungs­prozesse einer Einzelperson oder um Veränderungsprozesse in Unternehmen handelt, die ein Berater oder Coach begleitet, Lewins Kritik der Ganzheit hat eine wichtige und heilsame Wirkung: denn sie setzt an die Stelle der Ausrede und der Vermeidung (Deflektion) mit Hilfe der Behauptung, das Gewohnte ließe sich nicht ändern, die Erkundung der Gründe, die gegen eine Veränderung des Gewohnten sprechen.

[1] Als Topologie bezeichnet Lewin die bildlich-räumliche Darstellung der in einem Feld wirkenden psychischen und sächlichen Kräfte und als Hodologie (ein von ihm geprägtes Kunstwort) die Darstellung der Wirkrichtungen der Kräfte durch Pfeile (Vektoren; alternativ auch Vektorpsychologie) bzw. deren Behinderung durch Barrieren und die aus diesen folgende Tendenz der Umgehung. Da die Pfeile, Barrieren und Umgehungen in die topologische Darstellung eingezeichnet werden können, hat eine solche Unterscheidung in der Praxis keine weitere Bedeutung.

[2] Philosophisch geht der Assoziationismus auf David Hume (1711-1776) zurück, für den Kausalität nichts als Aberglaube war.

Die immer noch provozierende Botschaft von Freuds Mose-Studien

1. Der »Tagtraum« von Freuds Moses-Studie (so die Kennzeichnung durch die Psychoanalytikerin und Lektorin der »Studienausgabe« Ilse Grubrich-Simitis in ihrem »biographischen Essay« [1994], Frankfurt/M. 2009) wird meist mit spitzen Fingern angefasst, oft schlicht übergangen oder, wie bei Ilse Grubrich-Simitis, auf Freuds Biografie zurückbezogen. Zu kühn und unbeweisbar scheinen die Spekulationen von Freud. Dabei wird übersehen, dass sowohl unter Historikern als auch unter Alttestamentlern es üblich ist, mit Annahmen über die Handlungsmotivation von Menschen zu operieren und die jeweils fehlenden Informationen zu ergänzen oder die Überlieferung auf Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen. Diese Annahmen lauten inhaltlich, dass Handlungsmotivation im Wesentlich auf Machterwerb und Machterhalt zielt, und formal, dass Entscheidungen bewusst und rational getroffen werden. Sie sind in hohem Maße unrealistisch, weil sie die Ebene des Unbewussten völlig ausblenden. Wenn etwa die Geschichte von Isaaks »Bindung« nicht mehr als Glaubensprüfung durchgeht, die verlangt, bereit zu sein, für Gott das eigene Kind zu opfern, sondern zum grandiosen Fanal gegen Menschenopfer uminterpretiert wird, so steht die ganze Wirkungsgeschichte dieser Interpretation entgegen. Der Autor der Geschichte, wer immer es sei, erweist sich als unfähig, die Geschichte so zu erzählen, dass man sie wohlversteht. Sollte nicht in Erwägung gezogen werden, in die Geschichte die unbewusst ambivalente Haltung zum geliebten Kind eingeschrieben zu finden?

2. Dass Mose ein Ägypter war, wird heute ebenso wie zu Freuds Zeiten durchaus noch diskutiert und für wahrscheinlich gehalten. Diese Aussage war damals provozierender als heute. Die Aussage Freuds, um die nach wie vor ein weiter Bogen geschlagen wird, ist die Umdeutung, das Massaker um das Goldene Kalb habe nicht stattgefunden, sondern stattdessen der Vatermord an Mose. Zu kühn, zu spekulativ scheint diese psychoanalytische Rekonstruktion. Allerdings unterzieht man heute bei Figuren wie Caligula und Nero das Dämonisch-Böse oder Konstantin dem Großen das Gute einer Dekonstruktion, für die die Beweise kaum solider sind, aber eben auf der Annahme von bewusster, rationaler Entscheidung der damals Handelnden basieren. An solchen Stellen rächt sich, dass Geschichts- und Bibelwissenschaft sich resistent gegen jede psychologische Aufklärung gezeigt haben.

3. Was ist mit Freuds Mose, wenn man mit Jan Assmann davon ausgeht, dass Mose gar keine geschichtliche, sondern ausschließlich eine literarische Existenz hat? Unzweifelhaft ging Freud selber von einer geschichtlichen Existenz des Moses aus. Ist, wenn diese hinfällig wäre, die Interpretation von Freud damit nicht auch hinfällig? Im Gegenteil. Sie müsste dann bloß als psychoanalytische Deutung eines Mythos gelesen werden und die schwierig zu beantwortende Frage danach entfiele, ob sie mit der geschichtlichen Wirklichkeit übereinstimme.

4. Die nach wie vor brisante Aussage sowohl in »Der Mann Mose« und »Der Moses des Michelangelos« liegt darin, dass Freud das Massaker im Gründungsmythos des Monotheismus negiert. Dass es nicht Recht sei, Andersgläubige im Namen des eigenen Gottes zu töten, ist zwar Bestandteil der durch die Aufklärung gegangenen modernen Ethik. Mit ihr wurde die Geschichte um das Goldene Kalb moralisch unerträglich. Dennoch geht Freud weit darüber hinaus. Denn die Geschichte um das Goldene Kalb ist nicht nur ein religiöser Gründungsmythos. Mit der Setzung, dass ideologische Loyalität höher stehe als verwandtschaftliche Solidarität und dass im Namen der ideologischen Loyalität Mutter und Vater, Sohn und Tochter sowie Geschwister getötet werden dürfen und müssen, beginnt der Jahrtausende lange Kampf des Staatsprinzips gegen die verwandtschaftliche Solidarität. Nicht bloß moderne Ethik steht hinter Freuds Negierung des Massakers im Gründungsmythos des Monotheismus, sondern auch ein Rückgriff auf die Ethik der Uranarchie. Damit bedroht Freuds Aufklärung nicht mehr nur die Religion, vielmehr darüber hinaus den modernen Staat.

Wie Freud das Massaker im Gründungsmythos des Monotheismus doppelt negiert

Der Gründungsmythos der abrahamitischen Religionen aus der »Thora«, Buch »Schemot«, griechisch-lateinisch-deutsch »Exodus«; nach Luther »2. Buch Mose«, Kapitel 32, Verse 15 bis 29: »15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. 16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. […] 19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und 20 nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken. […] 25 Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war […], 26 trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. 27 Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. 28 Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. 29 Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde.« (Nach der revidierten Luther-Fassung 1984.)

Bemerkenswert an der Erzählung um das »Goldene Kalb« sind die beiden Punkte:

1. Es ist erlaubt und darüber hinaus auch geboten, Andersgläubige zu töten.

2. Die religiös-politische Loyalität steht höher als familiäre oder freundschaftliche Verbundenheit.

Ich sage hier ausdrücklich »religiös-politische« Loyalität. Denn mit der Erzählung um das Goldene Kalb beginnt der Kampf um ideologische Gefolgschaft, für den sich Religion von Anbeginn nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Die weitere Geschichte der Verbrechen, die im Namen des Herrn begangen worden sind, setze ich als zumindest in Umrissen bekannt voraus. Worauf mich Richard Dawkins aufmerksam gemacht hat, ist, dass es sich dabei nicht etwa um einen Missbrauch von ansonsten unschuldiger und womöglich menschenfreundlicher Religion handelt, sondern um eine wörtliche Exekution derselben. Ich selbst hatte das verdrängt, obwohl ich mich als kritischen Kopf einschätze. Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch ein selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit gleichem Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als Gut und das andere als Schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb des Textes entschieden. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab gebildete Meinung untermauern, und blenden aber Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.

Manchmal verschlägt es mir schier die Sprache, wenn ich die Auslegungsgeschichte zu Rate ziehe. Rabbinische Auslegungen heben neben der Schwere der Verfehlung die Größe der Gnade Gottes hervor (vgl. Ex 34, 6-7). Sie drücke sich darin aus, dass Aaron trotz seiner »Sünde« zum Hohenpriester erwählt wurde. – Typisch: Da werden 3.000 Leute niedergemetzelt, der Anführer jedoch nicht nur geschont, sondern auch mit einem hohen Posten belohnt.

Nach Auslegung des christlichen Kirchenvaters Tertullian (160-225) zeigt die Erzählung, dass Gold und Reichtum ebenso wie Tanzen zur Sünde verführen und aus dem Grunde abzulehnen seien. – Typisch: Da werden »die« Reichen summarisch zum Abschuss freigegeben. Und dann ist diese Auslegung angesichts des Textes noch obendrein so absurd: Das Gold spenden die Schmuckbesitzer[innen?], d.h. sie trennen sich freiwillig von ihrem Reichtum, um die gemeinsame Sache, den Kult des goldenen Kalbes, zu unterstützen. Ist das nicht vorbildliche Sozialorientierung des Eigentums? Altruismus?

Die Erzählung um das »Goldene Kalb« hat Sigmund Freud gleich zwei Mal negiert:

1.
In »Der Moses des Michelangelo«

In »Der Moses des Michelangelo« (1914) interpretiert Freud die Statue grandios als ein Sinnbild eines retroflektierten Zornes: Mose nehme keine Rache: »Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe dasaß, trug sie die Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm. […] Moses wendete den Kopf […], und als er die Szene erschaut hatte, machte sich der Fuß zum Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den Tafeln los und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Ungestüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem Druck des Armes anvertraut, der sie an die Brustwand pressen sollte. Aber diese Fixierung reichte nicht aus, sie begannen nach vorn und unten zu gleiten, der früher horizontal gehaltene obere Rand richtete sich nach vorn und abwärts, der seiner Stütze beraubte untere Rand näherte sich mit seiner vorderen Spitze dem Steinsitz. Einen Augenblick weiter und die Tafeln hätten […] den Boden erreich[t] und [wären] an ihm zerschell[t]. Um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück, und entlässt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. So leitet sich das sonderbar gezwungen scheinende Ensemble von Bart, Hand und auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leidenschaftlichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen ab. | [Der Moses des Michelangelo] wollte es in einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen […], aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt so sitzen bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz. […] [Michelangelo] hat das Motiv der zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er lässt sie nicht durch den Zorn Moses’ zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die Drohung, dass sie zerbrechen könnten, beschwichtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Handlung hemmen […] – nicht ohne Vorwurf gegen den Verstorbenen [Papst Julius II, für dessen Grab die Statue geschaffen wurde], zur Mahnung für sich selbst, sich mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend.« (Studienausgabe, Band X, Seite 211f | 217.) Klar ist, dass für Freud die biblische Geschichte schlicht unannehmbar ist, und er dieses sein Gefühl der Abscheu in Michelangelos Darstellung hineinprojiziert.

Damit wird die Statue zum Sinnbild dessen, was ich für das Zentrum der Toleranz (und der Schwierigkeit, sie zu üben) halte: Es geht ja nicht darum, das zu respektieren oder zu dulden, was mir gefällt oder was mir gleichgültig ist (da braucht man gar nicht von »Duldung« zu sprechen), sondern in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz sich über die eigene Natur erhebend das zu erdulden, was mir im höchsten Maße zuwider ist, was meinen tief eingewurzelten Werten und höchsten Wahrheiten widerspricht.

Danke, Sigmund, für diesen Michelangelo.

Ilse Grubrich-Simitis (Michelangelos Moses und Freuds Wagstück, Frankfurt/M. 2004) präsentiert eine kunsthistorische Widerlegung von Freuds Interpretation des Moses von Michelangelo: Es sei nicht der Mose vor dem Goldenen Kalb dargestellt (erste und dann zerbrochene Gesetzestafeln), sondern der Mose, nachdem er die Gesetzestafeln ein zweites Mal erhalten habe – und die Weissagung seines Todes: Er wird das Volk Israel nicht ins Gelobte Land führen. (Diese Widerlegung berührt nicht, dass Freud Toleranz als Retroflektion beschreibt bzw. die Fähigkeit, retroflektieren zu können, als Vorbedingung von Toleranz.) Aber: Wenn Freuds Deutung richtig ist, dann fällt das Zerbrechen der Gesetzestafeln (und das Massaker an den Verehrern des Goldenen Kalbs) aus: Ein zweites Mal gäb’s nicht. Insofern wäre es folgerichtig, wenn die Mose-Darstellung ikonografische Elemente integriert, die üblicherweise erst das zweite Mal des Erhalts der Gesetzestafeln begleiten (Hörner bzw. Strahlen am Kopf, Decke zum Verhüllen des Gesichts).

2. In »Der Mann Moses«

In »Der Mann Moses und der Monotheismus« (1939) ergibt die Anwendung der »psychoanalytischen Methode« auf das Textverständnis, dass nicht Mose die Kalb-Anhänger töten lässt, sondern die Kalb-Anhänger an Mose Vatermord begehen. Die überlieferte Erzählung sei die symbolische Rache der später zu erneuter Herrschaft gelangten Mose-Religion. Bezogen auf die Toleranzfrage ist mit dieser Interpretation allerdings kaum etwas gewonnen: Die Erzählung wirkt(e) so, wie sie nun mal lautet. Doch eins wird nocheinmal klar: Für Freud stellt die Erzählung um das »Goldene Kalb« ein Problem dar. Zu Recht.

Günter Schulte leitet aus Freuds »Moses« in den Vorlesungen »Philosophie der Religion« (Universität Köln WS 2002/2003) die Formel ab »Antisemitismus ist Antimonotheismus und damit Antiintellektualismus« (http://www.guenter-schulte.de/materialien/philoreligion/philoreligion_09.html) und beruft sich dabei auf Jan Assmann (Der Fortschritt in der Geistigkeit: Sigmund Freuds Konstruktion des Judentums, in: Psyche, Februar 2002). Da hat jemand die griechische Antike und ihre Bedeutung für Freud verdrängt. Dass Freud Antimonotheismus und Antiintellektualismus zusammen gedacht und den Antimonotheismus schlechthin als barbarisch bezeichnet haben kann, halte ich für ausgeschlossen. So geschichtsvergessen wird er nie im Leben gewesen sein.

Barbarischer Monotheismus

»Ein junger Pharao […], der zuerst Amenhotep (IV.) hieß wie sein Vater, später aber seinen Namen [in Echnaton] änderte […] unternahm es, seinen Ägyptern eine neue Religion aufzudrängen […]. Es war ein strenger Monotheismus, der erste Versuch dieser Art in der Weltgeschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem Glauben an einen einzige Gott wurde wie unvermeidlich die religiöse Intoleranz geboren, die dem Altertum vorher – und noch hange nachher – fremd geblieben« (Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939), Studienausgabe, Bd. 9, S. 471). Religion von Echnaton schreibt Freud »Klarheit, Konsequenz, Schroffheit und Unduldsamkeit« (S. 473) zu. Mose, so rekonstruiert Freud psychoanalytisch, war ein Priester dieser neuen Religion, die von den Nachfolgern Echnatons nur 17 Jahre später wieder aufgelöst wurde. Er suchte sich »ein neues Volk« (S. 478) für seine Religion und fand es in den Juden.

Wenn Freud später den Monotheismus wiederholt als »großen Fortschritt« (S. 534, S. 536, S. 557ff) und den (nichtjüdischen, römischen) Christen nachsagt, sie huldigten »unter einer dünnen Tünche […] einem barbarischen Polytheismus« (S. 539) kann ich das bloß lesen als bittersüße Ironie, wie Freud sie in »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) schon angeschlagen hat: Die Kulturentwicklung ist eine wunderbare, segensreiche Erhebung aus der Barbarei, aber sie trägt – »unvermeidlich«! – die Züge einer neuen Barbarei auf einer höheren Stufe der Organisation und Durchdringung aller Alltagsbereiche in sich. Der Islam, dessen Monotheismus unzweifelhaft konsequenter als der des (trinitarischen) Christentums ist und dem des Judentums exakt entspricht, macht in seiner gegenwärtigen politischen Ausprägung aus Freuds Spekulation blutige Realität.

Freud selber meinte mit den »dünn getünchten« Christen allerdings jene, die sich dem nationalsozialistischen Antisemitismus anschlossen. Diese Analogie freilich kann schon darum nicht überzeugen, weil der deutsche Nationalsozialismus (im Gegensatz zum italienischen Faschismus) keine Anleihen an der hellenistischen Kultur machte; und heute eben vor allem von den Islamisten getragen wird, deren Monotheismus klar, konsequent, schroff und unduldsam ist.

Die Renaissance des Hindu-Radikalismus allerdings zeigt: Es ist auch nicht wahr, dass Polytheismus »intrinsisch friedfertig« sei und gleichsam als eine Art Versicherung gegen die religiöse Gewalt und Intoleranz wirkt, wie Rolf Schieder (Sind Religionen gefährlich?, Berlin 2008, S. 69) meint – und sich dabei ebenfalls auf Freud und Jan Assmann bezieht. Assmann »distanzierte« sich postwendend von sich selber und zugleich von Freud (Monotheismus und Gewalt, 2013, auf: http://www.perlentaucher.de/essay/monotheismus-und-gewalt.html). Der Atheismus, wenn man ihn denn nicht auch als Religion einstufen will (es wäre dann auch eine Spielart des Monotheismus), bietet eine Gewähr gegen Gewalt ebenso wenig; das beweisen die gewalttätigen Regime des Kommunismus im 20. Jahrhundert.

Das Unbehagen in der Kultur

Der Ertrag meiner Re-Lektüre von “Das Unbehagen in der Kultur” findet sich in dem Gestaltsalon-Vortrag “Die Geburt der Gestalttherapie aus dem Geist der Psychoanalyse”, als PDF auf dieser Site abrufbar. Ab nächste Woche dann “Der Mann Moses und die monotheistische Religion”.

Anknüpfungen für die Gestalttherapie

Die Arbeit mit Träumen in der Gestalttherapie, wie sie speziell von Fritz Perls überliefert ist, knüpft, nach dem Vorangegangenen offensichtlich, noch enger an Freud an, als ich bislang realisiert hatte. Sie revidiert Freud weniger, als dass sie bestimmte Aspekte betont wie etwa (zusammengefasst in sex Punkten):

1. Nicht der Therapeut, sondern der Klient deutet. »Die Technik, die ich im Folgenden auseinandersetze, [… verfährt so …], dass sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1914], Studienausgabe, Bd. 2, S. 119). »Der Traumdeuter soll nicht seinen eigenen Witz spielen lassen und die Anlehnung an die Einfälle des Träumers hintansetzen« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1925], Studienausgabe, Bd. 2, S. 56).

2. Die in der therapeutischen Situation aktuelle emotionale und kognitive Reaktion des Klienten auf seinen Traum ist entscheidend. Über einen Patienten sagt Freud, er gehöre »einem therapeutisch nicht günstigen Typus«, »die bis zu einem gewissen Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da an fast unzugänglich erweisen« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1911], Studienausgabe, Bd. 2, S. 358). Freud hat zwar ein »Ideal des braven, gefügigen Patienten« (S. 130), wie es aber sich herausstellt, ist diese Ideal der Therapie nicht günstig. Auch Freud entsprach dem Ideal nicht. Im Anschluss an die Deutung eines eigenen Traums bemerkt er: »Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen« (S. 133). Wie wunderbar. Willkommen, Widerstand. Und das Kriterium zur Beantwortung der Frage, ob eine Deutung hinreicht, ist das »Gefühl« des Träumenden. Zur die Analyse eines eigenen Traums schreibt Freud: »Der Traum war mein eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, dass mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 203).

3. Die Traumgegenstände und -personen sind vielfach Repräsentationen (Projektionen) des Träumenden. »Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt. […] Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, dass mein Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt. ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traum erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, dass hinter dem Ich eine andere Person sich durch Identifizierung verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. […] Dass das eigene Ich in einem Träume mehrmals vorkommt oder in verschiedenen Gestaltungen auftritt, ist im Grund nicht verwunderlicher, als dass es in einem bewussten Gedanken mehrmals und an verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen enthalten ist, z.B. im Satze: Wenn ich daran denke, was für gesundes Kind ich war« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 320f. Der Satz von »Dass das eigene Ich …« an stammt aus dem Jahr 1925). Bereits Freud bezeichnet den Traum als »Projektion, eine Veräußerlichung eines inneren Vorgangs« (Metatheoretische Ergänzungen zur Traumlehre [1917], Studienausgabe, Bd. 3, S. 180).

4. Der Therapeut gibt dem Klienten »alle die psychologischen Aufklärungen, mit deren Hilfe ich selbst zum Verständnis seiner Symptome gelangt bin« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 162), jener erhebt sich also nicht über diesen und bewahrt sein Herrschaftswissen. Er muss aber nicht alles, was ihm an Assoziationen und Gedanken kommen, mitteilen, sondern dem Klienten Raum zur eigenen Entfaltung lassen: »Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details […]« (S. 355). Insgesamt ist »kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole« (S. 348) geboten, das heißt verallgemeinert: bei allen Deutungen, die nicht aus den Assoziationen, Einfällen und Ideen des Klienten selbst stammen.

5. Deutungen sind als Angebot – »aber als ich ihm […] vorschlage […]« (S. 376; 1909) – formuliert, können im richtigen Augenblick eingesetzt auch provozierenden Charakter haben. »Da [die Patientin] zu dem Hut in [ihrem] Traum keinen Einfall produzieren kann, sage ich zu ihr: …« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1911], Studienausgabe, Bd. 2, S. S. 355). Und: »Ich vermied es sorgfältig, [der Patientin] die Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1914], Studienausgabe, Bd. 2, S. 368).

6. Es kommt auf das an, was im Hier und Jetzt anliegt. Freud mahnt für den therapeutischen Prozess »Kontakt mit der Aktualität« an, »von größter Bedeutung ist, die jeweilige psychische Oberfläche [sic] des Kranken zu kennen, darüber orientiert zu sein, welche Komplexe und welche Widerstände derzeit bei ihm regegemacht sind.« Eine begonnene Arbeit setze man »nicht wie selbstverständlich fort, sondern erst dann, wenn man merkt, dass inzwischen nichts anderes sich beim Kranken in den Vordergrund gedrängt hat.« Sigmund Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse (1911), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 151f.

Probleme der Beweisbarkeit 6: Nur 1 Traumgedanke per Nacht

»Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem nämlichen Ganzen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 330. — Bei dieser Formbestimmung erläutert Freud nicht, woher sie stammt und wie sie begründet ist. Eine seiner Setzungen, hier nicht einmal als Vermutung gekennzeichnet. Wenn es sich um eine rein empirische Aussage handelt, würde sie gelten, bis das Gegenteil gefunden wird. Eine andere Begründung gibt Freud nicht. Es ist mir auch nicht ersichtlich, dass die Aussage von großer Wichtigkeit sei: Wenn sie nicht stimmte, würde sich sonst an der »Traumdeutung« nichts ändern müssen. Vielleicht sollte die Aussage als Aufforderung gelesen werden, die Suche nach Sinn und Zusammenhang nicht vorschnell abzubrechen.

Probleme der Beweisbarkeit 5: Geht’s immer bloß ums »liebe Ich«?

Träume »sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 171). »Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt« (S. 320f). Aber Zusatz von 1925: »Da alles, was überhaupt im vorbewussten Denken vorkommt, in den Traum (Inhalt wie latente Traumgedanken) übertreten kann, ist diese Möglichkeit auch den altruistischen Regungen offen. […] Das Richtige an obigem Satz schränkt sich also auf die Tatsache ein, dass man unter den unbewussten Anregungen des Traumes sehr häufig egoistische Tendenzen findet, die im Wachleben überwunden schienen« (S. 274). Freud vermischt hier das moralische Verdikt gegen ein reines Schauen auf den eigenen Vorteil mit der psychologischen Kategorie der Egozentrik bzw. des Narzissmus und dementiert damit seine eigene Aufklärung. Die »fundamentalen Bedingungen« des Traums, die »halluzinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme« (S. 523) und die »motorischen Lähmung im Schlaf« (S. 333), lassen nicht zu, dass es um etwas anderes als um ein selbstgenügsames Ich geht, das die Außenwelt nicht bzw. nur schwach wahrnimmt, die Bedürfnisse jedoch um so stärker, zu deren Befriedigung jedoch nichts anderes als die eigenen Gedanken zur Verfügung stehen. Es findet eine Befriedigung durch Retroflektion statt. Eine moralische Bewertung dieser Retroflektion ist sinnlos, weil die Traumgedanken keiner bzw. nur schwacher Kontrolle – »die Zensur schläft niemals ganz« (S. 470) – durch ein zur Moralität fähiges Bewusstsein (»Zensur«) unterliegen, aber auch unnötig, denn »sie bleiben harmlos, weil sie nicht imstande sind, den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt verändernd beeinflussen kann« (S. 541).

Probleme der Beweisbarkeit 4: Verschiebung

1. Verschleierung des Wunsches, der gegen die Zensur verstoßen würde, durch seine »Verschiebung« ist neben »Verdichtung« der poetische Kern von Freuds »Traumdeutung«. Während das Formelement der »Verdichtung«, also eine Zusammenführung verschiedener Personen, Dinge oder Orte, die sich durch die Assoziationen des Träumenden oft leicht entwirren lässt, meist wenig Widerstand hervorruft, wird die These von der »Verschiebung« seit Erscheinen der »Traumdeutung« heftig bekämpft. Hauptvorwurf: Da die »Verschiebung« an sich nicht zu beobachten sei, bleibe die Deutung einer Handlung, eines Gedankens, eines Traums als Ausdruck des verschobenen Wunsches beliebig. Der Vorwurf setzt allerdings voraus, dass die »Verschiebung« als Deutung einer vom Träumenden differenten Person, eines Experten, ohne Mithilfe des Träumenden selbst gedacht ist. Die »Verschiebung« wäre dann analog etwa der Diagnose einer Wanderniere zu verstehen. Auf diese Art und Weise geht Freuds »Traumdeutung« ausdrücklich nicht vor: »Eine nicht zu beherrschende Quelle der Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, dass das Traumelement den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik, die ich im Folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen wesentlichen Punkte ab, dass sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1914], Studienausgabe, Bd. 2, S. 119).

2. Kann man Verschiebung wenigstens indirekt beobachten bzw. erschließen? Ein Experiment aus den 1960er Jahren: Zwei Personen, eine Frau und ein Mann. Beide weckte man unter Laborbedingungen über einige Nächte aus dem REM-Schlaf, was regelmäßig dazu führt, dass Träume erinnert werden. Man bat die Personen, dem Versuchsleiter ihre Träume zu berichten. Außerdem befanden sie sich in psychoanalytischer Behandlung; auch die Psychoanalytiker fragten sie nach ihren Träumen. Die Versuchspersonen selektierten, welche Träume sie wem berichteten. Die Frau etwa berichtete feindliche oder sexuelle Träume über den Versuchsleiter – was wohl niemanden ausgenommen Wissenschaftler in solchen Laborsituationen überrascht – diesem nicht, wohl aber ihrem Psychoanalytiker. Der Mann berichtete seinem Psychoanalytiker zum Beispiel keine Träume mit homoerotischen Anteilen, wohl aber dem Versuchsleiter. Die Eigenschaften der Traumgedanken – »feindlich«, »sexuell«, »homoerotisch« usw. – waren am manifesten Inhalt allerdings gar nicht immer als solche zu erkennen, sodass die Selektion voraussetzte, dass die Versuchspersonen den latenten Inhalt zumindest unbewusst erkannten und Angst vor der Entdeckung hatten. (Das ursprüngliche Experiment: Roy M. Whitman, Milton Kramer, Bill Baldridge, Which Dream Does the Patient Tell?, in: Archives of General Psychiatry, März 1963, Vol 8, No. 3, S. 277-282. Der spätere Bericht eines der Durchführenden: Milton Kramer, The Dream Experience: A Systematic Exploration [2007], London 2013, S. 36f.)

3. »David, dessen Lern- und Gedächtnisstörungen zu den schwersten je dokumentierten Fällen gehören, kann überhaupt nichts Neues lernen. […] Über einen Zeitraum von einer Woche konnten wir David unter kontrollierten Bedingungen drei völlig verschiedenen Arten von menschlichen Interaktionen aussetzen. […] Good Guy, […] neutraler Guy, […] Bad Guy. […] Nachdem wir David Gelegenheit gegeben hatten, die Erfahrungen dieser Begegnungen zu verarbeiten, forderten wir ihn auf, sich Gruppen von vier Fotos anzusehen, die die Gesichter der drei an dem Versuch beteiligten Assistenten enthielten und fragten ihn: ›Zu wem würdest du gehen, wenn du Hilfe brauchst?‹ […] Davids Antworten waren höchst auffällig. Wenn die Person die sich ihm gegenüber positiv verhalten hatte, zur Vierergruppe gehörte, wählte David den Good Guy in 80 Prozent der Fälle, woraus folgt, dass die Wahl keineswegs zufällig erfolgte – wäre nur die Wahrscheinlichkeit maßgeblich gewesen, hätte sich  David für jedes der vier Fotos in 25 Prozent der Fälle entscheiden müssen. Im Rahmen dieser Wahrscheinlichkeit blieb dann auch Davids Wahl der neutralen Person. Der Bad Guy dagegen wurde fast nie gewählt, was ebenfalls klar von einem zufälligen Verhalten abwich.«  Antonio R. Damasio, Ich fühle, also bin ich (1999), München 2002, S.59ff. — Dieses Experiment hat unmittelbar weder etwas mit Traum noch mit Verschiebung zu tun. Was es zeigt, ist, dass es sehr wohl (vorsichtig ausgedrückt:) nicht-bewusste Verhaltenspräferenzen gibt. Und nichts anderes brauchen wir, um Verschiebung als eine (naturwissenschaftliche) Möglichkeit in Betracht ziehen zu können. Das Problem der Beweisbarkeit von Verschiebung, Verdrängung, vom Konzept des Unbewussten ganz allgemein, wird uns weiter begleiten …

4. »Freud sagt […], es lohne sich immer, bestimmte Elemente eines Traumes […] umzudrehen. Angenommen, ich träume, mein Chef sei zu festlich angezogen, dann kann dies den Wunsch verbergen, ihn nackt zu sehen. […] Hier wird die ganze Verschiebungsangelegenheit, so wie Freud sie sah, schließlich absurd, denn auf diese Weise können wir einem Traum jede uns passende Bedeutung gegen. Die Annahme, eine Sache können sowohl etwas ganz Bestimmtes wie auch das genaue Gegenteil bedeuten, wäre in jedem anderen Wissenschaftsbereich undenkbar« (Ann Faraday, Die positive Kraft der Träume [1972], Bindlach 1996, S. 101). Hier haben wir sie in Reinkultur, diese so merkwürdige Annahme, aus Freuds »Traumdeutung« müsse folgen, der (latente) Traumgedanke könne, sobald er vom Träumenden berichtet wurde, eine von einem Experten vorgenommene Deutung ganz ohne weiteres Zutun des Träumenden erfahren. Diese Deutung stoße auf eine verdinglichte Wahrheit des Traums, die dann mit dem Träumenden nichts mehr zu schaffen hätte. Wer Verschiebung so definiert, macht es leicht, über deren Annahme den Kopf zu schütteln und Freuds ganze Theorie »absurd« zu nennen. Allerdings hat eine dergestalte Definition mit Freud kaum noch etwas zu tun. Auf diese Weise lässt Freud sich nicht widerlegen.

5. Festzuhalten bleibt m.E., dass die Formbestimmung des Traums als Verschiebung (und Verdichtung) eine Möglichkeit bietet, den Traum als etwas anderes denn »temporären Wahnsinn« oder ähnlichen Unsinn zu definieren. Es leuchtet mir nicht ein, dass gerade Naturwissenschaftler so hartnäckig auf dieser Definition bestehen. Ein Organ, das normalerweise dafür geschaffen ist, Sinn zu produzieren, soll regelmäßig davon abweichen? Ein Produkt dieses Organs, das so regelmäßig auftritt wie der Traum, soll nun auf einmal gänzlich ohne Sinn sein? Da Träume auf der anderen Seite sehr häufig vom Alltagssinn abweichen und gegen Erfahrung und sogar Logik verstoßen, kann ihnen, soweit ich sehe, auf keine andere Weise Sinn beigemessen werden, als dass ihr Sinn »verschoben« sei.

6. Die emotionale Wucht hinter der Abwehr gegen die These der »Verschiebung« von Wünschen im Traum erwächst, psychoanalytisch gesehen, dem Wunsch, keine geheimen, sozial unverträglichen oder den eigenen ethischen Regeln widerstreitende Wünsche zu hegen. Sie gleicht der Reaktion des trotzigen Kindes, das bei der Übertretung einer durch eine Autorität gesetzten Regel sich ertappt fühlt und nun alles ableugnet. Wird mit dieser Deutung die Psychoanalyse gegenüber Kritik auf unlautere Weise immunisiert? Die Frage ist schwer zu beantworten, denn ja, es liegt darin eine gewisse Immunisierung. Allerdings verstieße die Behauptung, es gäbe Menschen und sogar derer viele, die niemals ihrer sozialen oder individuellen Ethik widersprechende Wünsche verspüren, gegen alle Erfahrung. Und die aus der Erfahrung, dass es solche Wünsche tatsächlich gibt, resultierende Annahme, deren Kraft wüsste sich irgendwo und irgendwie im Geheimen und Verborgenen Ausdruck zu verschaffen, also durch »Verschiebung«, ist vielleicht nicht in gleicher Weise zu beobachten, liegt aber jedenfalls ziemlich nahe.

Probleme der Beweisbarkeit 3: Wunscherfüllung

1. Die Probleme, alle Träume als Wunscherfüllung zu deuten, auch unangenehme, peinliche und gar Angstträume, wurden – und werden immer noch – herangezogen, um Freud und die Psychoanalyse zu verspotten. Nun lässt sich die Funktionsbestimmung, der Traum sei eine Wunscherfüllung (weil diese im Dienst als Hüter des Schlafes steht), nicht aus der Deutung als richtig erweisen; sie ist der Deutung vielmehr vorausgesetzt. Lässt sich diese Voraussetzung beweisen? Leichter noch als die übergeordnete Behauptung, der Traum sei Wächter des Schlafes.

2. »Freuds Wunscherfüllungstheorie erwies sich als nicht zutreffend […]. Wir haben gesehen, dass REM-Deprivation zu keinerlei Erhöhung der Antriebsbereitschaft für sexuelle oder andere Triebregungen führte. Wünsche sind als Trauminhalte äußerst selten, in der Regel dominieren Ereignisse des vergangenen Tages« (Niels Birbaumer und Robert F. Schmidt, Biologische Psychologie [1990], Berlin 2010, S. 562). Zwei interessante Argumente. Das erste, REM-Deprivation führe zu keiner Erhöhung der Antriebsbereitschaft für sexuelle oder andere Triebregungen, ist typisch für eine Form der experimentellen »Überprüfung« der Freudschen Theorie, indem diese so umgedeutet wird, dass sie zu den Experimenten passt (und nicht umgekehrt, die Experimente so designed werden, dass sie die Theorie überprüfen). Denn die Theorie der Wunscherfüllung bezieht sich bei Freud darauf, der Traum erfülle ad hoc einen Wunsch, damit er den Träumenden nicht veranlasse, aufzuwachen, um zur Wunscherfüllung aktiv werden zu müsskönnen. Insofern taugt das Experiment nicht zur Überprüfung der Theorie. Die Behauptung, Traumentzug (falls dieser durch REM-Deprivation bewirkt werden kann) führe zur Erhöhung der Antriebsbereitschaft für sexuelle oder andere Triebregungen, hat Freud meines Wissens nicht aufgestellt.

3. Das zweite Argument, Wünsche seien als Trauminhalte äußerst selten, ist besonders unverständlich. Denn genau das hat auch Freud beobachtet. Der Wunsch ist seiner Theorie nach nicht notwendig im (manifesten) Trauminhalt unmittelbar sichtbar, sondern stellt sich oft erst durch Analyse als latenter Inhalt dar. Der Traum stellt die Wunscherfüllung dar, nicht den zugrundeliegenden Wunsch. Der lässt sich nur erschließen.

4. Das Argument von Freud für die Funktion des Traums als Wunscherfüllung ist m.E. überzeugend: Jede Tätigkeit muss einem Wunsch (Bedürfnis) entspringen; jeder Tätigkeit geht ein Wunsch (Bedürfnis) voran. Aufgrund der Schlafsituation, der Unfähigkeit zu bewusster, zielgerichteter Tätigkeit, also Wunscherfüllung (Bedürfnisbefriedigung), muss der Traum aufkommende Wünsche (Bedürfnisse) als befriedigt darstellen, denn andernfalls würden sie zum Aufwachen führen, um bewusst planen und zielgerichtet handeln zu können. Das ist die »halluzinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme«, von der Freud spricht (Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 523). Das Reich der Träume ist »süß«, weil in ihm Wünsche allein Kraft der Gedanken in Erfüllung gehen, ohne Kraftanstrengung oder Aufschub. Der Traum wird in der Regel nach dem Erwachen wieder vergessen, weil er seine Funktion bereits erfüllt hat. Unbefriedigend sind sowohl die sozio- oder neurobiologische These, der Traum habe keine Funktion (weil nicht einleuchtet, dass ausgerechnet die Traumtätigkeit keine Funktion habe, während alle anderen organischen Vorgänge funktional gedeutet werden), als auch die psychologische These, der Traum sende eine existenzielle Botschaft (denn die meisten Träume, nämlich die vergessenen, wären dann »verschwendet«).

5. In »Jenseits des Lustprinzips« (1920, Studienausgabe, Bd. 3, S. 242) lässt Freud als »Ausnahme« für die Traumfunktion der Wunscherfüllung solche Angstträume zu, die als Folge von Traumatisierung auftreten. Der Begriff »Ausnahme« steht hier allerdings nicht für die sprichwörtliche »Ausnahme für die Regel«, meist eine Entschuldigung für schlampige Argumentation oder gar für Beliebigkeit. Denn der Angsttraum als Folge von Traumatisierung dient (laut Freud) der »Reizbewältigung«; eine solche wäre Vorbedingung dafür, dass das Lustprinzip wieder zur Geltung kommen könnte. Diese Argumentation von Freud führe ich hier an, weil sie beweist, dass Freud mit »Wunscherfüllung« tatsächlich die (halluzinatorische) Erfüllung eines Wunsches im Hier und Jetzt des Traums meint. Die exakte Definition lautet: Der Traum sei »immerhin« der »Versuch einer Wunscherfüllung« (Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse [1933], Vorlesung 29 »Revision der Traumlehre«, Studienausgabe, Bd. 1, S. 471) bzw. der Herstellung der Bedingung der Möglichkeit von Wunscherfüllung.

Wo steckt #6?