Blog2019-10-01T21:27:12+01:00

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Verlust des revolutionären Subjekts

Die ursprüngliche Überlegung aller (marxistischen) (Staats-) Kommunisten lautete: Die unweigerlich ihrer Verelendung entgegensehenden Arbeiter (»Proletarier«) haben notwendig ein Interesse an einer Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Umgestaltung muss in Richtung der Aufhebung des Monopols an Produktionsmitteln gehen, sodass sie die Begrenzungen überwindet, mit denen die kapitalistische Wirtschaft die Produktion behindert, und auf diese Weise zugleich auch dafür sorgt, dass nicht Andere als die Produzenten selber die Früchte ihrer Arbeit genießen.

Man sollte realisieren, dass die Erwartung der Kommunisten hierin bestand: die Produktionsmittel zu vergesellschaften, würde die Produktion deutlich und erheblich steigern sowie die Fortschritts- und Innovationsrate kräftig erhöhen. Der ganze Quatsch heute, der Kapitalismus produziere zu viel und schüre falsche Bedürfnisse, ist genuin antimarxistisch.

Die Kommunisten, sagte die ursprüngliche Strategie, würden dem Proletariat aufzeigen, dass das Ziel der gesellschaftlichen Umgestaltung nicht durch sozialdemokratische oder gewerkschaftliche (»trade-unionistische«) Reformen zu erreichen sei, sondern nur mit einer Revolution gelinge.

Heute wissen wir, dass nicht Kapitalismus die Produktion und die Innovation behindert, vielmehr der (Staats-) Sozialismus; dies führte ja schließlich auch zum Zusammenbruch des so genannten »realen Sozialismus« in der Sowjetunion und in ihren Satellitenstaaten. Das wusste Reich freilich noch nicht; auch nicht, dass weite Teile der Arbeiterschaft im Kapitalismus zu ungeahntem Wohlstand gelangen. Die Problematik von Armut verlagerte sich aus der Mehrheit der Gesellschaft in ihre Randgruppen. Und dies war etwas, das Reich bereits analysierte. Denn er beobachtete, dass die Gesellschaft eben nicht in eine Hauptmasse an verarmten Proletariern und eine kleine Gruppe wohllebender Bourgeois zerfiel, sondern dass eine starke Mittelschicht sich bildete, die ganz andere Interessen verfolgte, als für die (kommunistische) Revolution nötig gewesen wären. Hierüber hinaus erkannten, so analysierte Reich, die Arbeiter ihre angeblich objektiven ökonomischen Interessen (die zur Revolution treiben) nicht, sondern verfielen in den Glauben an den Heilsbringer in der Form eines autoritären Staats, sei es der Faschismus, sei es der (Staats-) Kommunismus: Die (kommunistische) Revolution hatte also kein Subjekt (mehr).

 

Eine wesentlich überarbeitete Passage macht Wilhelm Reichs gewandeltes Denken bezüglich der Klassenstruktur deutlich. Fassung 1933 (S. 99), noch voll im Pathos des Bolschewismus: »Der klassenbewusste Arbeiter [… ist …] mit seiner Klasse statt mit dem Führer, mit der internationalen werktätigen Masse statt mit der nationalen Heimat identifiziert. Er fühlt sich selbst als Führer, nicht aufgrund einer Identifizierung, sondern aufgrund dieses Bewusstseins, der notwendigerweise aufsteigenden Klasse anzugehören.«

Doch in der Fassung von 1946 (S. 76) klingt das durch die Veränderung einiger Worte nun ganz anders: »Der fachbewußt Arbeitende [… ist …] mit seiner Arbeit statt mit dem Führer, mit der internationalen werktätigen Menschenmasse statt mit der nationalen Heimat identifiziert. Er fühlt sich selbst als Führer, nicht aufgrund einer Identifizierung, sondern aufgrund des Bewußtseins, lebensnotwendige Arbeit zu leisten.« Aus dem »klassenbewussten Arbeiter« ist nun der »fachbewußt Arbeitende« geworden; er identifiziert sich nicht mehr mit der kommenden herrschenden »Klasse«, sondern mit seiner eigenen Arbeit.

Zwei Hinzufügungen 1946 in den weiteren Text lassen das ganze Ausmaß der Wandlung des Fokus hervortreten: »Das Selbstgefühl des Arbeiters leitet sich aus Facharbeiterbewußtsein ab« (S. 76). Das Facharbeiterbewusstsein lenkt nun nicht mehr ab von der Identifizierung mit der homogenen Arbeiterklasse, sondern ist Bewusstsein, aufgrund eigener Kompetenz wichtige Arbeit zu leisten, stärkt das Gefühl der Autonomie, das keine Unter- und Einordnung in hierarchisch geführte Massen erfordert. »Wir unterscheiden den fachbewußten, verantwortungsvollen Arbeiter vom mystisch-nationalistisch reaktionären Untertan. Wir treffen beide Typen in jeder sozialen und fachlichen Schicht [sic] an. Es gibt Millionen reaktionär gesinnter Industriearbeiter, und es gibt ebenso viele arbeitsbewußte, freiheitlich gesinnte Lehrer und Ärzte« (1946: S. 76 f; warum er hier die Bauern nicht einschloss, bleibt im Dunklen).

Wilhelm Reichs Endeckung

Als Arzt entdeckte Dr. Wilhelm Reich die Psychoanalyse Sigmund Freuds, denn ihm wurde klar, dass viele der Leiden der Patienten keine körperlichen, sondern psychische Ursachen haben. Und als Psychoanalytiker entdeckte Wilhelm Reich, dass die psychischen Störungen allzuoft nicht im Individuum oder seinem unmittelbaren Umfeld wurzeln, sondern in weit größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Die Nahtstelle von Körper, Psyche und Gesellschaft war für Wilhelm Reich die Sexualität. Sexualität und Liebe als die Grundbedürfnisse und als Hauptquellen für ein glückliches Leben haben eine ebenso körperliche wie psychische Seite, die voneinander nicht ohne Verlust des Lebensglücks getrennt werden können; sie stehen unter strikter gesellschaftlicher Kontrolle durch Gesetze, die die Staatsgewalt macht, sowie Normen, Sitten und Tabus, die sozialer Natur sind. (Heute noch, nach der »sexuellen Revolution« der 1960er Jahre bleibt Sexualität weiter nur »Nebensache«. Es ist bemerkenswert, dass das, was biologisch gesehen Garant des Fortbestehens der Menschheit ist, nie zur sozialen Hauptsache erklärt werden darf, ohne gleich das Geschrei auszulösen, man reduziere den Menschen unzulässigerweise auf Biologie. Dass wesentlicher Antrieb zur Arbeit nicht nur die Produktion von Nahrung für die Erhaltung des Einzelindividuums ist, vielmehr vor allem Produktion oder Erwerb von Dingen, die der Attraktion von [Sexual-]  Partnern dienen, unterliegt einem gespenstischen Tabu. Die perverse Koppelung von sex ’n’crime ist literarisch akzeptierter als jede Form natürlicher, befriedigender Liebe.)

»›Weg vom Tier; weg von der Sexualität!‹ – sind die Leitsätze aller menschlichen Ideologiebildung. Gleichgültig, ob es ein Faschist in die Form des rassisch reinen ›Übermenschen‹, ein Kommunist in die Form der proletarischen Klassenlehre, ein Christ in die Form der ›spirituell-moralischen Natur‹ des Menschen oder ein Liberaler in die Form der ›höheren menschlichen Werte‹ kleidet. Aus all diesen Ideen klingt immer wieder die eine eintönige Melodie hervor: ›Ich bin ja gar kein Tier; ich habe doch die Maschinen erfunden und das Tier nicht! Und ich habe gar keine Genitalien wie das Tier!‹ Hierher gehört die Überbetonung des Intellekts, des ›reinen‹ mechanischen, logischen Verstandes gegenüber dem Trieb, der Kultur gegenüber der Natur, des Geistes gegenüber dem Körper, der Arbeit gegenüber der Sexualität, des Staates gegen- über dem Individuum [!], des Übermenschen gegenüber dem Untermenschen. Woher kommt es, daß von Millionen Autofahrern, Radiohörern etc. nur ganz wenige die Namen der Entdecker des Autos und des Radios kennen, dagegen jedes Kind die Namen der politischen Pestgeneräle kennt?« (Massenpsychologie, nur in der Version von 1946: S. 300.) Nehmt das, ihr Kollektivisten, ihr Lobhudler eines allgewaltigen »Wir«: »Überbetonung des Staates gegenüber dem Individuum«.

Andererseits — dass Wilhelm Reich Leben und Freude der Menschen auf Sexualität beschränkt habe, ist unterstellt, wie wir im Laufe der Lektüre sehen werden. Der Slogan aus den letzten Jahren macht dies deutlich: »Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.«

Die beiden wesentlichen Punkte aus der Lektüre von Reichs Massenpsychologie und besonders aus dem Vergleich der Ausgaben 1933 und 1946 sind m.E.:

  1. Erkenntnis des Verlusts des revolutionären Subjekts.
  2. Erkenntnis des Verlusts der revolutionären Partei.

Diese beiden Aspekte werden die nächsten Wochen behandelt.

Wilhelm Reichs Beschäftigung mit dem Faschismus

Vorderhand ist Wilhelm Reich (1897 -1957) nicht schwer zu lesen oder schwer zu verstehen. Er schreibt einen klaren, einfachen Stil, weitgehend frei von psychologischem oder soziologischem Fachjargon; denn er wendet sich gern auch an »den kleinen Mann«, an die Arbeiter. Dennoch bleibt er, zumindest heute, ein schwieriger Autor. Die Beschäftigung mit ihm bedarf einer Rechtfertigung. Wilhelm Reich endete im Irrsinn. Paranoia ist gewiss (obwohl sie einen Kern von Wahrheit enthielt, denn schließlich wurde er tatsächlich verfolgt), vielleicht litt er auch an Schizophrenie (sofern die von ihm postulierte »Orgon-Strahlung« keine Tatsache ist, sondern nur eine Einbildung). Seine Theorie einer frei verfügbaren Lebensenergie, die er »Orgon« nannte und mit der er den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik außer Kraft setzen wollte, ist zwar bis heute weder bestätigt noch widerlegt (unter anderem darum, weil Beamte der »Food and Drug Administration« sein Labor zerschlagen ließen, weshalb wichtige Versuchsaufbauten nicht zu rekonstruieren sind); jedoch dass er mit akkumuliertem Orgon das Wetter meinte beeinflussen und sogar UFOs abschießen zu können, gehört sicherlich ins Reich der Fantasie. Wie bei anderen der Umnachtung verfallenen Denkern stellt sich mithin bei der Lektüre begleitend die Frage: Was von seinem Denken, von seinem Schreiben gehört der Wahnwelt an, was hingegen ist ernst zu nehmen?

Die »Massenpsychologie des Faschismus« kam erstmalig 1933 heraus, d.h. Wilhelm Reich hatte das Buch geschrieben, einerseits während der Sieg des Faschismus sich in Deutschland (un?)aufhaltsam abzeichnete, er selber andererseits noch Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) war. Dort war er nicht unumstritten, denn er stritt für die Reform der Sexualmoral, die nicht allen Genossen geheuer war, allerdings hatte er eine gute Gefolgschaft unter den Arbeitern und betrieb seine sexualtherapeutischen Beratungsstellen. 1933. Da war Josef Stalin bereits etliche Jahre an der Macht. Die anarchistische und rätekommunistische Opposition hatten zuvor Lenin und Trotzki eliminiert. In der Ukraine wütete eine Hungersnot (»Holodomor«), die die stalinistischen Zwangskollektivierungen ausgelöst hatten. Nichtsdestotrotz glaubte Wilhelm Reich bis zu diesem Punkt an die Segnungen des Bolschewismus, an Lenins heilsbringende Wirkungen. Doch die KPD hatte 1933 nichts Besseres zu tun, als Wilhelm Reich aufgrund der Massenpsychologie des Faschismus wegen Konterrevolution aus der Partei zu werfen und dem Abtrünnigen in der Folgezeit überall, wohin es ihn bei seiner Odyssee des Exils verschlug, nachzustellen. Denn dieser Autor warf die Frage auf, was die Kommunisten falsch gemacht hätten. Zweifellos mussten sie, so überlegte Reich, irgendetwas falsch gemacht haben, weil nun mal nicht sie als Bannerträger der richtigen Sache siegten, wie ihre Theorie es ohne Wenn und Aber verlangte, sondern die reaktionären Kräfte. Die Frage bereits roch nach Verrat. Und dann erst die Antwort: Die Kommunisten hatten vergessen, dass es nicht um abstrakte Ökonomie zu tun sei, vielmehr um die Lebensumstände der Menschen, um Freude, ja, vor allem um die Sexualität, die unter dem herrschenden Regime so grausam verstümmelt werde und sich in allerlei Perversionen Bahn breche, so auch in den kollektiven Gewaltfantasien.

Aber Wilhelm Reich blieb bei jener Fragestellung und jener Antwort nicht stehen. Zunehmend zweifelte er sogar an der Ernsthaftigkeit, mit der die (Staats-) Kommunisten nach dem glücklichen Leben für die Masse der Menschen strebten. In der Sowjetunion kam es zu einer reaktionären Wende auch

in der Familien- und Sexualpolitik. Die Koedukation wurde abgeschafft, Abtreibung erneut unter Strafe gestellt usw. usf. Dieses »weg vom Kommunismus!« zeichnet sich besonders in der Bearbeitung der »Massenpsychologie des Faschismus« 1942 /46 ab. Hier, inzwischen im us-amerikanischen Exil, notiert er zum Beispiel: »Die russischen Kommunisten waren von der Bejahung des Sexuallebens weiter entfernt als irgendein amerikanischer Mittelständler« (1946: S. 128). Es ist erhellend, den inneren Kampf Wilhelm Reichs nachzuverfolgen und ihn zu analysieren.

Nicht allein in dieser politischen Hinsicht lohnt es sich, Wilhelm Reich heute zu studieren. Denn neben den marxistischen Kommunisten sind auch die Verfechter sexueller Revolution in den 1960 er Jahren, die sich zumindest teils auf Wilhelm Reich bezogen, gescheitert. Zugestanden, einiges haben sie erreicht, summa summarum die Gefahr des Faschismus jedoch nicht gebannt und zu neuen Formen der Sexualfeindlichkeit beigetragen, die sich durch eine Flut von Eingriffen der Staatsgewalt in intimste Bereiche ausdrückt. Hier müssen wir »mit Reich gegen Reich« argumentieren.

Schließlich ist Wilhelm Reich für Gestalttherapeuten interessant als ihr geistiger Großvater. Fritz Perls (1897-1970) war bei Reich in Lehrtherapie. Paul Goodman (1911-1972) hatte sich bereits mit Reich auseinandergesetzt, noch ehe er Fritz und Laura Perls Ende der 1940 er Jahre traf; seine Essays, die aus dieser Auseinandersetzung hervorgegangen waren, hatte das Ehepaar Perls im südafrikanischen Exil dazu bewogen, ihn unbedingt kontaktieren zu wollen, falls sie je in die USA kämen – was der Fall war und bekanntlich zur gemeinsamen Formulierung der Grundlagen der Gestalttherapie führte. Wilhelm Reich steht für zwei Pfeiler der Gestalttherapie, die seine Revision der klassischen Psychoanalyse darstellen:

Zum einen gab Reich die »Neutralität« und die »Abstinenz« des Therapeuten auf, welche Sigmund Freud nachdrücklich gefordert hatte. Umgekehrt. Nach Reich muss der Therapeut Partei ergreifen für die Lebensinteressen des Patienten (dies gegebenenfalls gar gegen dessen Protest) und aktiv eingreifen, nicht bloß ins Leben, sondern darüber hinaus auch ins Umfeld des Patienten. In einem Interview von 1972 berichtete Laura Perls von ihrer Begegnung mit Wilhelm Reich während der Zeit, als Fritz bei ihm Lehranalysand war: »Einmal besuchte ich Reich, er wollte mich sehen. Fritz hatte eine flüchtige Impotenz-Episode und ich machte mich ein wenig lustig über ihn. Reich wollte mich sehen und sagte, das sei nicht sehr klug. Natürlich war es das nicht.« Noch keine groß sophisticated Intervention, doch auf dem Weg dorthin.

Zum anderen bereitete Wilhelm Reich wie kein zweiter die gestalttherapeutische Theorie der Aggression vor, der zufolge Aggression zunächst im Dienst des Lebens und der Lust stehe, aufgrund unglücklicher gesellschaftlicher Umstände jedoch ins Negative kippe. O-Ton Reich: Natürliche Aggression steigere sich durch die Sexualunterdrückung zum brutalen Sadismus (1946: S. 50; identisch 1933: S. 53). Die Sexualunterdrückung führt laut Reich zum »chronisch überspannten körperlichen Erregungszustand« (nur 1946: S. 142). Und Sadismus namens nationalistischer, kriegerischer oder sonstiger ideologischer Gewalt entspringe dem »Wunsch nach Entspannung ohne eigene Schuld« (nur 1946: S. 143). Die Gestalttherapie verallgemeinert die Argumentationsfigur als »chronische Notstandsreaktion« auf die Hemmung aller, und nicht bloß der sexuellen Lebensenergie. Aber das war schon bei Reich selber angelegt. Dies ist kein historischer Punkt. Die Theorie der Gestalttherapie konnte besser als jede andere voraussagen und hat sich leider bestätigt, dass der Fortbestand der kriegerischen Gewalt nach außen einhergehe mit wahnsinniger Repression nach innen, die aber als Wächter des Wohlergehens jedes Einzelnen sich auszugeben vermag. Reichs Massenpsychologie und Goodmans Gestalt Therapy ergeben zusammen das Instrumentarium, um die Welt, wie sie heute ist, zu verstehen, zu analysieren und zurecht zu rücken.

Warum sich heute mit Faschismus befassen?

»Der politische Reaktionär unterscheidet sich vom echten Demokraten grundsätzlich durch seine Stellung zur Staatsgewalt. […] Der Reaktionär fordert typischerweise die Macht des Staates über die Gesellschaft; er fordert die ›Staatsidee‹.«[1] Die Ablehnung von Staatsgewalt hat laut Wilhelm Reich das Anrecht, sich »demokratisch« zu nennen, nicht der Gebrauch derselben.

 

Historisch wird Faschismus immer uninteressanter, weil eine vergangene Ursache, je weiter sie zurückliegt, um so weniger wirkt.[2] Und eigentlich wurde über Faschismus in historischer Hinsicht bereits alles gesagt, oder sogar mehr als alles über ihn gesagt.

Aber er bleibt aktuell; denn der Vorwurf, die jeweilig andere Seite sei faschistoid, beherrscht die deutsche politische Szene wie eh und je, und nicht nur die. Für die Einen ist ein Faschist oder ein Nazi, wer sich der gerade herrschenden öffentlichen Auffassung widersetzt, z. B. Rassisten wie Antirassisten, Antifeministen wie Feministinnen, Antisemiten wie Philosemiten, Kollektivisten wie Individualisten, Reaktionäre wie Liberale, Nationalisten wie Globalisten, sie alle werden in einen Topf geworfen, einmal verrührt und mit dem Label »Populisten« behängt, denn sie kommen immer besser beim Volk an, genau wie damals. Und damit sind wir schon mitten im Thema der »Massenpsychologie«. Denn diese verbissenen Verteidiger des Bestehenden, die sich anders als damals einzig wahre Linke zu sein dünken (damals waren sie die Konservativen), fragen sich genau wie damals nicht, warum die Anderen beim Volk besser ankommen als sie selber. Vielmehr regen sie sich bereits auf, wenn man, statt »Nazis« abzukürzen, die Eigenbezeichnung von damals voll ausspricht und »Nationalsozialisten« sagt. Denn »Sozialisten«, das sind doch die Guten, die dürfen nicht beschmutzt werden. Dass man nicht besser dastünde, wenn man sich auf die Seite der Gegner der Nationalsozialisten stellt, der Bolschewisten mit ihrem Josef Stalin an der Spitze, ist dem historischen Vergessen anheim gefallen.

Jene als »Faschisten« gebrandmarkten (Rechts-) Populisten werfen den »linken« Verteidigern des Bestehenden nun ihrerseits vor, faschistische oder Nazi-Methoden anzuwenden. Politische und religiöse Intoleranz, Diffamierung, Denunziation, Behinderung der Meinungsfreiheit und Zensur, Ausschluss aus der Öffentlichkeit, ja auch Angriffe auf Sachen wie auf Menschen gehören zu den Methoden, die hier namhaft gemacht werden. Teilweise rechtfertigen sie mit den Angriffen der Gegenseite, nun ihrerseits legitimiert zu sein, derartige Methoden in Anschlag zu bringen. Jedenfalls, indem sie die Gegenseite als »faschistisch« charakterisieren, machen sie deutlich, dass sie selber sich durchaus nicht als Faschisten begreifen, ganz im Gegenteil, dass sie sich zu den wahren Antifaschisten stilisieren. Wenige greifen auf echte faschistische Traditionen zurück, und bloß ganz krasse Außenseiter ohne jedes erkennbare Potenzial zum Populismus bekennen offen sich zu A. Hitler. Denn heute schreckt er so sehr ab, wie er damals anzog; negativer Populismus sozusagen.

 

Als Schnittmenge einer Definition dessen, was »Faschismus« sei, die bei beiden Seiten der aktuellen Debatte im Zentrum steht, lassen sich Intoleranz und politische Gewalt bestimmen. Auf diesen Punkt gebracht, wird es allerdings ziemlich schwer, den Faschismus von der ganz normalen Politik ganz normaler Staaten zu differenzieren, auch der Staaten, welche selber sich als »demokratisch« und »pluralistisch« bezeichnen. Oft stößt die Identifizierung, dass Gewalt jedem Staat zugrunde liege, auf Unverständnis. Jedoch hebt das Grundgesetz (Artikel 20.2) damit an zu beteuern, alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus. Ist Gewalt, die vom Staat ausgeht, etwa keine Gewalt? Und heißt doch Gewalt! Was unterscheidet die Staatsgewalt von anderer Gewalt? Dass das Volk zustimmt. Was unterscheidet das Volk von der Masse? Egal, wie diese Fragen beantwortet werden, es zeigt sich, dass die Unterschiede zum Faschismus gradueller, nicht prinzipieller Natur sind.

 

Wenn die Verteidiger des Bestehenden so unverhohlen mit der Nazi-Keule zuschlagen, verkennen sie, auf welch dünnem argumentativen Eis sie sich bewegen. Der Zusammenhang von Faschismus und Demokratie ist stärker, als ihnen lieb sein kann. Damit sind ihre politischen Gegner nicht exkulpiert, weil auch sie auf der Klaviatur der Massendemokratie spielen, deren Faschismusanfälligkeit weder historisch noch aktuell ernsthaft bestritten werden kann.

Dennoch glaubt gerade die Opposition, sei es die gegen den Krieg, sei es die gegen anderen Irrsinn der Politik, dass sie um so nachdrücklicher auf Demokratie drängen müsse, als ob nicht jedes herrschende System sich auf die zumindest passive Duldung, wenn nicht Zustimmung der Mehrheit der Untertanen verlassen kann. Dass es eine Mehrheit gegen das System gäbe, ist eine Illusion, die die Herrschenden mit reichlichen Streicheleinheiten und allerhand Geldmitteln aufrecht zu erhalten versuchen. Denn diese Illusion nutzt ihnen. Solange das Prinzip der Staatsgewalt nicht ins Fadenkreuz der Kritik gerät, droht ihnen keine Gefahr.

Wilhelm Reich musste das schmerzlich erfahren. Denn er hatte sich zu weit in die falsche Richtung hervorgewagt zu der Zeit, zu der man nur auf der einen oder der anderen Seite sein durfte, wenn man ein sicheres Leben anstrebte. Wir werden im Laufe der Lektüre sehen, mit welchen Aussagen und Einsichten er sich die Verfolgung eingehandelt hatte.

 

Ohne Massenpsychologie ist dem Faschismus sowie seinem kleinen Bruder, dem rechten oder auch linken Populismus, nicht beizukommen. Obwohl hinter der Entscheidung eines Wählers für eine faschistische oder populistische Partei ökonomische oder soziale Interessen auszumachen sind, erklärt es noch nicht, warum die Wähler Politikern Glauben schenken, die offensichtlich Widersprüchliches oder Unmögliches versprechen oder die offensichtliche Lügen gebrauchen. Doch auch hier gilt es zu bedenken, dass Widersprüchlichkeit oder Unmögliches ebenso wie Lügen zum Alltag der realen Demokratien gehört. Auch hier ist die Differenz zu Faschismus und Populismus nicht grundsätzlicher, vielmehr eher gradueller Natur.

Der Alltag der Demokratien bereitet die Massen auf Faschismus und Populismus vor. Zugleich damit forciert er auch die Tendenz zu Faschismus und Populismus, indem er es so erscheinen lässt, als seien Parteiengezänk und Parteienegoismus die Ursachen der Krise und nicht grundsätzlich die Tatsache, dass die Staatsgewalt, egal wie sie politisch organisiert ist, das freie Handeln der freien Menschen (das freie Handeln freier Menschen nannte Wilhelm Reich ab ungefähr 1943 »Arbeitsdemokratie«) behindert und damit ihre Fähigkeit unterläuft, mit Krisen- und Gefahrensituationen zurecht zu kommen. Indem sie den Alltag in der Demokratie mit dem freien Handeln freier Menschen verwechseln, entsteht bei den Massen das Gefühl, die Freiheit selber sei die Ursache ihrer Probleme und sie finden sich bereit, den Liberalismus zu dem Hauptfeind zu küren, damals wie heute.

Heute ist das Objekt des Hasses (oder, in Wilhelm Reichs Diktion: der »emotionellen Pest«) der »Neoliberalismus« mit der Behauptung, irgendwelche dunklen Mächte würden »den freien Markt anbeten«, diese »Höllenmaschine«, wie der erzantiliberale Philosoph Pierre Bourdieu ihn nannte, obgleich es leicht zu zeigen wäre, dass es kaum noch einen Markt gibt, und schon gar keinen freien, von der Staatsgewalt nicht regulierten Markt.

[1] Massenpsychologie des Faschismus, nur in der Version von 1946: S. 240 f.

[2] Diese Maxime des (philosophischen) Pragmatismus, Grundlage auch der Gestalttherapie, lässt die auf fernste, tausendjährige Vergangenheit fixierten Erklärungen des Verhängnisses, wie Wilhelm Reich sie (in der Version 1946 der »Massenpsychologie«) lieferte oder Theodor W. Adorno in der »Dialektik der Aufklärung«, bestenfalls als belanglos dastehen, schlimmstenfalls als eine letzte Etappe, um das Bestehende vor effektiver Kritik zu schützen. Ursachen sollten wirksam und beeinflussbar sein.

Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus

Ein intellektuelles Abenteuer, eine persönliche Odyssee: “Die Massenpsychologie des Faschismus” von Wilhelm Reich erschien 1933. Die Nationalsozialisten hatten gerade die Macht übergeben gekriegt. Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV). Aus der KPD wurde er postwendend ausgeschlossen, aus der IPV ein Jahr darauf.

1946 erschien im us-amerikanischen Exil Reichs eine revidierte und erweiterte Fassung (zunächst nur als englische Übersetzung, erst 1971 in deutsch). Wilhelm Reich hatte sich nun vom Staatskommunisten zum Quasi-Anarchisten entwickelt. Mit seiner Theorie beeinflusste er wesentlich das Denken von Paul Goodman. Die Essays, die Paul Goodman in Auseinandersetzung mit Wilhelm Reichs Ideen in den 1940er Jahren verfasste, lasen Laura und Fritz Perls in ihrem südafrikanischen Exil und beschlossen, sollten sie je nach New York kommen, müssten sie diesen Autor kennen lernen. Das war schließlich der Fall und führte bekanntlich zur Formulierung der Grundlagen der Gestalttherapie.

Der Vergleich der beiden Ausgaben der “Massenpsychologie des Faschismus” 1933 und 1946 ist von aktueller Brisanz und großer Bedeutung als Präambel der Gestalttherapie.

In Vorbereitung auf den Gestaltsalon-Abend am 14. Februar 2020 werden in den nächsten Wochen in diesem Blog Gedanken und Zitate zu den beiden Fassungen der “Massenpsychologie” veröffentlicht.

Feldtheorie in der Praxis: Fall 3

Das dritte Beispiel ist keine anonymisierte Fallgeschichte, vielmehr das Destillat, das aus einer Vielzahl von Arbeiten mit Migranten gewonnen und zur topologische Darstellung verallgemeinert wurde. In dieser Situation befinden sich leider viele Migranten und die Darstellung zeigt, wie bestimmte politisch-gesellschaftliche Verhältnisse im Zufluchtsland zu Problemen führen, die sowohl die Migranten selber als auch die Gesellschaft des Zufluchtslandes belasten.

Selbst wenn es zahlreiche Migranten geben sollte, die, wie von rechtspopulistischer Seite gern angenommen wird, vor allem darum kommen, weil in Deutschland (oder entsprechenden anderen Zufluchtsländer) das scheinbar »süße Leben« winkt, ohne Arbeit und andere Anstrengungen von Sozialhilfe leben zu können, zeigt sich schnell, dass der Erhalt von Leistungen an bürokratische Prozeduren geknüpft ist, deren Erfüllung ­einen den ganzen Tag auf Trapp halten können, aber letztlich dann doch nicht zu einem befriedigenden Leben führen.

Viel häufiger ist vermutlich der umgekehrte Fall, dass die Person, die als Migrant kommt, zunächst die Vorstellung hat, es könne nicht so schwer sein, in Deutschland Arbeit zu finden und erst durch die enttäuschende Erfahrung, dass es hier eine schwer zu überwindende Barriere gibt, während andererseits die Versorgung durch die Sozialämter mehr schlecht als recht wenigstens am Leben erhält. Die Kompetenz, die Migranten sich dann aneignen, ist die gelungene Integration in das Netz von Ämtern und den nötigen Verhaltensweisen, von diesen die Unterstützung zu erlangen. Da das so eingerichtete Überleben jedoch öde ist und wenige Befriedigungen bereit hält, locken radikale (religiöse) Gruppierungen, die wenigstens Halt und Sinn geben, oder Kriminalität, welche Tätigkeit, Eigenverantwortung sowie ein selbstfinanziertes (also selbstorganisiertes und selbstbestimmtes) Leben bietet.

 

Eine verbreitete Situation für viele Migranten stellt sich in der Topologie von Kurt Lewin so dar: Wenn sie im Fluchtland auf die Barriere 1 stoßen, um Ziele wie Ausbildung, Arbeit (finanzielle Unabhängigkeit, Selbstbestimmung) und bei jungen Leuten Familiengründung umsetzen zu können, eine Barriere, die etwa aus ungeklärtem Aufenthaltsstatus, Berechtigungswesen (notwendige Zeugnisse oder andere Zertifikate als Voraussetzung des Zugangs zum Aus­bildungs- und Arbeitsmarkt), Mindestlohn- oder Tarifbestimmungen (die Hürden für den Markteintritt darstellen) usw. besteht, dann ist die andere Option, die Rückkehr ins Herkunftsland, durch die Barriere 2 verschlossen, durch die dort herrschenden Bedingungen (etwa Krieg, Verfolgung oder Armut). Angesichts dieser beiden Barrieren bestehen zwei Ausweich- und Umgehungsoptionen, die erreichbar bleiben, nämlich erstens psychische oder körperliche Erkrankung und fortgesetzte Abhängigkeit von Sozialsystemen oder zweitens politisch-religiöse Radikalisierung bzw. Kriminalität.

Feldtheorie in der Praxis: Fall 2

Die Situation: Das Paar sucht gemeinsam die Therapie auf, während jede für sich auch Einzeltherapie nimmt. Schon die Gründe für die Einzeltherapie sind aufschlussreich. B möchte ihre »verkorkste« Kindheit und Jugend aufarbeiten, A hat therapeutischen Bedarf vor allem aufgrund des schwierigen Verhältnisses zu B. A und B haben sich bei einem Projekt ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit kennen und lieben gelernt und die Zusammenarbeit verläuft weiterhin gut. Jeder verfügt über eine eigene Wohnung und das gemeinsame Leben in der Freizeit spielt sich in der Wohnung der einen oder der anderen statt, jedoch überwiegend in der Wohnung von A. B fühlt sich dort wohler und geschützter. Damit verliert A die Möglichkeit, sich zurück zu ziehen, wenn Streit ausbricht. Streit bricht zwischen den beiden regelmäßig aus, weil B einen schier unstillbaren Hunger nach der Aufmerksamkeit und der Zuwendung durch A packt, sodass A das Gefühl kriegt, keinen Freiraum zum Atemschöpfen zu haben. Oft befällt B die Wut über die Gewalterfahrung in der Herkunftsfamilie, sie drückt Neid auf A aus und wird mitunter ihrerseits handgreiflich ­gegenüber A. B neidet A auch, dass diese, weil sie Deutsche ist, keine Sprach- und sonstige kulturellen Schwierigkeiten hat, dass ihr die Arbeit, der sie (neben ihrer gemeinsamen ehrenamtlichen Tätigkeit) nachgeht, Freude bereitet, während B lieber einen anderen Beruf hätte. Gemeinsam arbeiten sie an einer Landkarte ihrer Beziehung. Das Ergebnis ist zwar erhellend für beide, aber ebenso ist es erschreckend, denn es macht die Asymmetrie der Beziehung so deutlich, wie es ihre Worte vorher nicht vermocht hatten. Die Last der Veränderung, um dieser Beziehung eine Zukunft zu geben, ruht mehr auf B, die sowieso schon belastet genug ist. Dennoch: Wenn sie A nicht den Freiraum gewährt, den diese braucht, kann sie von ihr keine Unterstützung erwarten.

Das erschreckende Bild, das die Topologie dieser Paarbeziehung abgibt: Es besteht nicht bloß ein großes Gefälle zwischen A und B, was die positiven und negativen Bereiches des Lebens betrifft, sondern darüber hinaus kommt das negative Element in das Leben von A ausschließlich durch den Einfluss von B zustande. Da B sich nur bedingt in ihrer eigenen Wohnung wohlfühlt, A hingegen gern in der eigenen Wohnung ist, tendiert das Paar dahin, die gemeinsame (Frei-) Zeit bei A in der Wohnung zu verbringen. Doch fühlt A sich dann schnell von den überbordenden Ansprüchen B’s bedrängt. Während A sich bei Konflikten gern (allein) in ihre Wohnung zurückzieht, fühlt B in ihrer Wohnung die Einsamkeit und entwickelt darüber hinaus die Vorstellung, die Nachbarn würden ihn nicht mögen. So drängt sie sich erneut und viel zu früh – das heißt vor einer Klärung – A auf. Die Bewegungsrichtung von A ist die, in den Frieden der eigenen vier Wände zurückzukehren, die von B jedoch, von einem ambivalenten Feld (der einsamen eigenen Wohnung) in ein andres ambivalentes Feld zu gelangen (der Wohnung von A). Je mehr B sich in ihrer Therapie über die Ursachen der eigenen Unbeherrschtheit klar wird, um so weniger ist sie bereit, A, die es »viel besser habe als sie«, das Bedürfnis nach Rückzug zuzugestehen. Wenn B nicht aufhört, A für die eigenen Probleme und die Fehler ihrer Herkunftsfamilie verantwortlich zu machen, gibt es für das Paar keine Zukunft als Paar.

Feldtheorie in der Praxis: Fall 1

Vorbemerkung: Die topologische Darstellung ist nicht objektiv, sondern stellt ihrerseits die jeweilige Interpretation und Sichtweise dessen dar, der die grafische Umsetzung vornimmt und die »Landkarte« des Lebens oder des Problems erstellt. Darum ist es wichtig, die Erarbeitung mit dem Klienten gemeinsam vorzunehmen und ihm die Führung zu überlassen. Der Therapeut, Berater oder Coach kann Vorschläge machen, das Ergebnis aber sollte die Sicht des Klienten aufzeigen. Kurt Lewin selber bevorzugte die Beschreibung des Feldes mit einer Reihe von Ovalen, sodass seine Schüler das Ergebnis jeweils als »Blumenkohl« verulkten. Zur computergrafischen Umsetzung, jedoch auch gemäß meiner eigenen Zwanghaftigkeit wähle ich Rechtecke. Bei der Arbeit mit Klienten können Ovale, Rechtecke, eine Mischung aus beidem, perspektivische Zeichnungen (etwa »Gärten«) eingesetzt oder die Landschaft auf dem Fußboden mit Kissen oder anderen geeigneten Stellvertretern aufgebaut werden. Es handelt sich ja nicht um die Sache (das Leben oder das Problem) selber, vielmehr um eine spezifische Sichtweise. Nach der Beschreibung der Situation des einzelnen Falls folgt die topologische Darstellung. Um die Anonymität der Klienten zu wahren, sind diese Notizen schematisch gehalten und lassen biografische Details aus. Die Auswahl der Fälle richtete sich danach, eine größere Bandbreite an Möglichkeiten des Einsatzes von topologischen Darstellungen aufzuzeigen.

Fall 1: Topologie einer Depression

Die Situation: Der Klient sucht mit dem Wunsch die Therapie auf, seine Depression überwinden und ein »freies Leben« ­führen zu können. Die Depression macht ihn zeitweilig arbeits­unfähig, obgleich er die Arbeit, wenn er welche findet und überdies arbeitsfähig ist, als sehr angenehm und befriedigend empfindet. Aufgrund der Unregelmäßigkeit von Arbeit und Einkommen sei er von den Eltern finanziell abhängig. Die Eltern empfindet er als distanzlos, kontrollwütig und unbeherrscht. Auch sein Zuhause beschreibt er als gemütlich und er fühlt sich wohl in seinen vier Wänden, solange kein Kontakt zu den Eltern besteht. In der Freizeit wandert er gern und kommt gut mit sich zu Rande. Nicht nur die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern führt zu einem ständig drohenden Kontakt mit ihnen, sondern auch sein Wunsch, die Neffen zu sehen. Der Umgang mit den Neffen an sich ist positiv, doch der Kontakt zum Bruder gestaltet sich ambivalent. Der Klient kommt, wie er es ausdrückt, »eigentlich« prima mit seinem Bruder aus, sie verstehen sich, solange die Sprache nicht auf die Eltern kommt. Der Bruder erkennt zwar, dass der Klient unter den Eltern leidet, unterhält allerdings selber ein gutes Verhältnis zu ihnen und sieht die Schuld an den Problemen zwischen dem Klienten und den Eltern als nicht so einseitig verteilt an wie dieser. Die Neffen lieben ebenfalls ihre Großeltern, und der Klient möchte sie nicht in seinen Konflikt mit den Eltern hineinziehen. Er hält sich ihnen gegenüber zurück, später aber setzt ihm das dann doch zu. Die vom Klienten nach vielen Anläufen und Verwerfungen ausgearbeitete Landkarte seines Lebens versetzte ihn in einiges Erstaunen. Die Utopie des »freien Lebens« liegt auf derselben Seite wie das Armageddon der Eltern, während das diesseitige gute Leben ihm ganz aus dem Sinn gegangen ist. Er war bereit, das Gewohnte in Frage zu stellen.

Die topologische Darstellung der Situation macht schnell klar, dass die Ziele des Klienten – mehr Kontakt mit den Neffen und ein »freies Leben« (das heißt ohne Depression und in finanzieller Unabhängigkeit) – jenseits der als Puffer gegen Übergriffe der Eltern aufgebauten Depression liegen, sodass der Puffer zugleich die Barriere bildet. Dass diesseits der Depression alle Felder des Klienten eindeutig positiv besetzt sind, gerät derart aus seinem Blick. Die Depression bildet aber nicht nur einerseits einen Puffer und andererseits die Barriere, sondern entfaltet die spezifische Feldwirkung, indem sie die Arbeitsfähigkeit des Klienten herabsetzt und ihn anfällig macht für die finanziellen Verlockungen der Eltern: Die Eltern erhalten so die Hoheit über ihn und er beschreibt sich selber als von ihnen »abhängig«. Der Begriff Utopie ist hier so sinnvoll wie kaum sonst: Während alle andren Felder einen realen Ort haben, besteht die Vorstellung vom freien Leben bloß in den Gedanken des Klienten.

Feld- versus Systemtheorie

Erste Notizen zum Vergleich zwischen Feld- und Systemtheorie:

1. Die System-Metapher impliziert: starren, vorhersagbaren, mechanischen Ablauf. Jedes Teil hat seinen definierten Platz und seinen definierten Einfluss innerhalb des Systems.

2. Die System-Metapher lässt wenig, bis gar keinen Spielraum für Verhalten (Handeln, Entscheiden, Intention) der Person.

3. Die Systemtheorie legt den Vorrang auf die Funktion gegenüber dem Vorrang auf der Wahrnehmung (und der Wirkung) in der Feldtheorie.

4. Innerhalb des Feldes können Systeme bestehen.

Umriss von Kurt Lewins Feldtheorie

Kurt Lewins Feldtheorie

Grundformel: Verhalten ist die Funktion von Person und Umwelt: V = f (P, U)

 

Zwei wichtige Voraussetzungen:

  1. Es gibt Verhalten. (Die Person reagiert nicht nur auf die Umwelt: Handeln, Entscheiden.)
  2. Es gibt Umwelt. (Die Umwelt ist kein reines Konstrukt. [Entgegen Konstruktivismus.])

 

Lewins zwei Hauptsätze der psychischen Dynamik:

  1. Hauptsatz: Gegenwärtigkeit des Verhaltens.
  2. Hauptsatz: Gerichtetheit des Verhaltens.

(Diese Hauptsätze implizieren auch Lewins Kritik am Begriff der Gewohnheit.)

 

Die Umwelt wird als Feld beschrieben, das folgende Qualitäten hat:

  1. Begrenzung. Das Feld ist begrenzt. Die Grenze des Feldes wird durch das bestimmt, was die Person wahrnehmen kann. (Die Feldgrenze ist nicht die gestalttherapeutische Kontakt­grenze.)
  2. Flexibilität. Die Außengrenze des Feldes ist flexibel, sie verschiebt sich je nach dem, was eine Person wahrnehmen kann.
  3. Räume + Gedanken. Das Feld setzt sich zusammen aus seiner von der Person wahrgenommenen physischen Beschaffenheit (in diesem Sinne handelt es sich beim Feld um einen tatsächlichen Raum) und aus den Gedanken, Erfahrungen, Fertigkeiten und Erinnerungen der Person (und dann ist Feld eine Metapher).
  4. Innerhalb des Feldes spielt sich das Verhalten ab. Das Verhalten hat eine Reichweite, das heißt, es wirkt auf das Feld (das aus Sachen oder Personen oder beidem bestehen kann).
  5. Die Reichweite (Wirksamkeit) des Verhaltens kann objektiv über den Rahmen dessen hinausgehen, was die Person wahrnimmt. Dann ist diese Wirkung aber nicht Teil des Feldes dieser Person. Nur eine andere Person kann die Wirkung beobachten oder am eigenen Leib spüren. Eine solche Reichweite des Verhaltens einer Person kann dann aufgrund der flexiblen Struktur des Feldes zum Teil des Feldes der handelnden Person werden, wenn die Wirkung in ihren Erfahrungsbereich kommt, etwa indem sie durch eine andere Person darauf aufmerksam gemacht wird (dies ist zum Beispiel ein wichtiger Aspekt in der Erziehung).
  6. Wahrnehmung der Umwelt und Reichweite des Verhaltens nehmen mit der Entfernung ab. Die Entfernung kann räumlich, zeitlich oder gedanklich sein. Gedanken können räumliche und zeitliche Entfernungen überwinden (zum Beispiel die Erinnerung an ein weit zurückliegendes Ereignis), aber man kann auch »mit den Gedanken ganz weit weg« sein und das, was andere als naheliegend oder aktuell betrachten, ignorieren.
  7. Räume sind mehr oder weniger positiv besetzt (Valenzen). Es gibt auch Barrieren (physisch z.B. Mauern, psychisch z.B. Sanktionsdrohungen, aber auch Belohnungsversprechen bei Meidung bestimmter, von der fremden Person negativ konnotierter Räume). Gegenüber negativ besetzten Räumen und Barrieren ist das unvermeidliche Verhalten der Versuch der Umgehung. [Folgt aus dem Hauptsatz der Gerichtetheit von Verhalten.] (Negative konnotierte Räume nicht zu betreten; das selbst Gewünschte tun, ohne die Sanktion erleiden zu müssen; die Belohnung bekommen, ohne das fremd Gewünschte tun zu müssen.) Nicht-Instruierbarkeit des Verhaltens. Nicht-Vorhersagbarkeit.