Die immer noch provozierende Botschaft von Freuds Mose-Studien

1. Der »Tagtraum« von Freuds Moses-Studie (so die Kennzeichnung durch die Psychoanalytikerin und Lektorin der »Studienausgabe« Ilse Grubrich-Simitis in ihrem »biographischen Essay« [1994], Frankfurt/M. 2009) wird meist mit spitzen Fingern angefasst, oft schlicht übergangen oder, wie bei Ilse Grubrich-Simitis, auf Freuds Biografie zurückbezogen. Zu kühn und unbeweisbar scheinen die Spekulationen von Freud. Dabei wird übersehen, dass sowohl unter Historikern als auch unter Alttestamentlern es üblich ist, mit Annahmen über die Handlungsmotivation von Menschen zu operieren und die jeweils fehlenden Informationen zu ergänzen oder die Überlieferung auf Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen. Diese Annahmen lauten inhaltlich, dass Handlungsmotivation im Wesentlich auf Machterwerb und Machterhalt zielt, und formal, dass Entscheidungen bewusst und rational getroffen werden. Sie sind in hohem Maße unrealistisch, weil sie die Ebene des Unbewussten völlig ausblenden. Wenn etwa die Geschichte von Isaaks »Bindung« nicht mehr als Glaubensprüfung durchgeht, die verlangt, bereit zu sein, für Gott das eigene Kind zu opfern, sondern zum grandiosen Fanal gegen Menschenopfer uminterpretiert wird, so steht die ganze Wirkungsgeschichte dieser Interpretation entgegen. Der Autor der Geschichte, wer immer es sei, erweist sich als unfähig, die Geschichte so zu erzählen, dass man sie wohlversteht. Sollte nicht in Erwägung gezogen werden, in die Geschichte die unbewusst ambivalente Haltung zum geliebten Kind eingeschrieben zu finden?

2. Dass Mose ein Ägypter war, wird heute ebenso wie zu Freuds Zeiten durchaus noch diskutiert und für wahrscheinlich gehalten. Diese Aussage war damals provozierender als heute. Die Aussage Freuds, um die nach wie vor ein weiter Bogen geschlagen wird, ist die Umdeutung, das Massaker um das Goldene Kalb habe nicht stattgefunden, sondern stattdessen der Vatermord an Mose. Zu kühn, zu spekulativ scheint diese psychoanalytische Rekonstruktion. Allerdings unterzieht man heute bei Figuren wie Caligula und Nero das Dämonisch-Böse oder Konstantin dem Großen das Gute einer Dekonstruktion, für die die Beweise kaum solider sind, aber eben auf der Annahme von bewusster, rationaler Entscheidung der damals Handelnden basieren. An solchen Stellen rächt sich, dass Geschichts- und Bibelwissenschaft sich resistent gegen jede psychologische Aufklärung gezeigt haben.

3. Was ist mit Freuds Mose, wenn man mit Jan Assmann davon ausgeht, dass Mose gar keine geschichtliche, sondern ausschließlich eine literarische Existenz hat? Unzweifelhaft ging Freud selber von einer geschichtlichen Existenz des Moses aus. Ist, wenn diese hinfällig wäre, die Interpretation von Freud damit nicht auch hinfällig? Im Gegenteil. Sie müsste dann bloß als psychoanalytische Deutung eines Mythos gelesen werden und die schwierig zu beantwortende Frage danach entfiele, ob sie mit der geschichtlichen Wirklichkeit übereinstimme.

4. Die nach wie vor brisante Aussage sowohl in »Der Mann Mose« und »Der Moses des Michelangelos« liegt darin, dass Freud das Massaker im Gründungsmythos des Monotheismus negiert. Dass es nicht Recht sei, Andersgläubige im Namen des eigenen Gottes zu töten, ist zwar Bestandteil der durch die Aufklärung gegangenen modernen Ethik. Mit ihr wurde die Geschichte um das Goldene Kalb moralisch unerträglich. Dennoch geht Freud weit darüber hinaus. Denn die Geschichte um das Goldene Kalb ist nicht nur ein religiöser Gründungsmythos. Mit der Setzung, dass ideologische Loyalität höher stehe als verwandtschaftliche Solidarität und dass im Namen der ideologischen Loyalität Mutter und Vater, Sohn und Tochter sowie Geschwister getötet werden dürfen und müssen, beginnt der Jahrtausende lange Kampf des Staatsprinzips gegen die verwandtschaftliche Solidarität. Nicht bloß moderne Ethik steht hinter Freuds Negierung des Massakers im Gründungsmythos des Monotheismus, sondern auch ein Rückgriff auf die Ethik der Uranarchie. Damit bedroht Freuds Aufklärung nicht mehr nur die Religion, vielmehr darüber hinaus den modernen Staat.

Wie Freud das Massaker im Gründungsmythos des Monotheismus doppelt negiert

Der Gründungsmythos der abrahamitischen Religionen aus der »Thora«, Buch »Schemot«, griechisch-lateinisch-deutsch »Exodus«; nach Luther »2. Buch Mose«, Kapitel 32, Verse 15 bis 29: »15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. 16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. […] 19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und 20 nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken. […] 25 Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war […], 26 trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. 27 Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. 28 Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. 29 Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde.« (Nach der revidierten Luther-Fassung 1984.)

Bemerkenswert an der Erzählung um das »Goldene Kalb« sind die beiden Punkte:

1. Es ist erlaubt und darüber hinaus auch geboten, Andersgläubige zu töten.

2. Die religiös-politische Loyalität steht höher als familiäre oder freundschaftliche Verbundenheit.

Ich sage hier ausdrücklich »religiös-politische« Loyalität. Denn mit der Erzählung um das Goldene Kalb beginnt der Kampf um ideologische Gefolgschaft, für den sich Religion von Anbeginn nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Die weitere Geschichte der Verbrechen, die im Namen des Herrn begangen worden sind, setze ich als zumindest in Umrissen bekannt voraus. Worauf mich Richard Dawkins aufmerksam gemacht hat, ist, dass es sich dabei nicht etwa um einen Missbrauch von ansonsten unschuldiger und womöglich menschenfreundlicher Religion handelt, sondern um eine wörtliche Exekution derselben. Ich selbst hatte das verdrängt, obwohl ich mich als kritischen Kopf einschätze. Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch ein selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit gleichem Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als Gut und das andere als Schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb des Textes entschieden. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab gebildete Meinung untermauern, und blenden aber Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.

Manchmal verschlägt es mir schier die Sprache, wenn ich die Auslegungsgeschichte zu Rate ziehe. Rabbinische Auslegungen heben neben der Schwere der Verfehlung die Größe der Gnade Gottes hervor (vgl. Ex 34, 6-7). Sie drücke sich darin aus, dass Aaron trotz seiner »Sünde« zum Hohenpriester erwählt wurde. – Typisch: Da werden 3.000 Leute niedergemetzelt, der Anführer jedoch nicht nur geschont, sondern auch mit einem hohen Posten belohnt.

Nach Auslegung des christlichen Kirchenvaters Tertullian (160-225) zeigt die Erzählung, dass Gold und Reichtum ebenso wie Tanzen zur Sünde verführen und aus dem Grunde abzulehnen seien. – Typisch: Da werden »die« Reichen summarisch zum Abschuss freigegeben. Und dann ist diese Auslegung angesichts des Textes noch obendrein so absurd: Das Gold spenden die Schmuckbesitzer[innen?], d.h. sie trennen sich freiwillig von ihrem Reichtum, um die gemeinsame Sache, den Kult des goldenen Kalbes, zu unterstützen. Ist das nicht vorbildliche Sozialorientierung des Eigentums? Altruismus?

Die Erzählung um das »Goldene Kalb« hat Sigmund Freud gleich zwei Mal negiert:

1.
In »Der Moses des Michelangelo«

In »Der Moses des Michelangelo« (1914) interpretiert Freud die Statue grandios als ein Sinnbild eines retroflektierten Zornes: Mose nehme keine Rache: »Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe dasaß, trug sie die Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm. […] Moses wendete den Kopf […], und als er die Szene erschaut hatte, machte sich der Fuß zum Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den Tafeln los und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Ungestüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem Druck des Armes anvertraut, der sie an die Brustwand pressen sollte. Aber diese Fixierung reichte nicht aus, sie begannen nach vorn und unten zu gleiten, der früher horizontal gehaltene obere Rand richtete sich nach vorn und abwärts, der seiner Stütze beraubte untere Rand näherte sich mit seiner vorderen Spitze dem Steinsitz. Einen Augenblick weiter und die Tafeln hätten […] den Boden erreich[t] und [wären] an ihm zerschell[t]. Um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück, und entlässt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. So leitet sich das sonderbar gezwungen scheinende Ensemble von Bart, Hand und auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leidenschaftlichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen ab. | [Der Moses des Michelangelo] wollte es in einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen […], aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt so sitzen bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz. […] [Michelangelo] hat das Motiv der zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er lässt sie nicht durch den Zorn Moses’ zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die Drohung, dass sie zerbrechen könnten, beschwichtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Handlung hemmen […] – nicht ohne Vorwurf gegen den Verstorbenen [Papst Julius II, für dessen Grab die Statue geschaffen wurde], zur Mahnung für sich selbst, sich mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend.« (Studienausgabe, Band X, Seite 211f | 217.) Klar ist, dass für Freud die biblische Geschichte schlicht unannehmbar ist, und er dieses sein Gefühl der Abscheu in Michelangelos Darstellung hineinprojiziert.

Damit wird die Statue zum Sinnbild dessen, was ich für das Zentrum der Toleranz (und der Schwierigkeit, sie zu üben) halte: Es geht ja nicht darum, das zu respektieren oder zu dulden, was mir gefällt oder was mir gleichgültig ist (da braucht man gar nicht von »Duldung« zu sprechen), sondern in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz sich über die eigene Natur erhebend das zu erdulden, was mir im höchsten Maße zuwider ist, was meinen tief eingewurzelten Werten und höchsten Wahrheiten widerspricht.

Danke, Sigmund, für diesen Michelangelo.

Ilse Grubrich-Simitis (Michelangelos Moses und Freuds Wagstück, Frankfurt/M. 2004) präsentiert eine kunsthistorische Widerlegung von Freuds Interpretation des Moses von Michelangelo: Es sei nicht der Mose vor dem Goldenen Kalb dargestellt (erste und dann zerbrochene Gesetzestafeln), sondern der Mose, nachdem er die Gesetzestafeln ein zweites Mal erhalten habe – und die Weissagung seines Todes: Er wird das Volk Israel nicht ins Gelobte Land führen. (Diese Widerlegung berührt nicht, dass Freud Toleranz als Retroflektion beschreibt bzw. die Fähigkeit, retroflektieren zu können, als Vorbedingung von Toleranz.) Aber: Wenn Freuds Deutung richtig ist, dann fällt das Zerbrechen der Gesetzestafeln (und das Massaker an den Verehrern des Goldenen Kalbs) aus: Ein zweites Mal gäb’s nicht. Insofern wäre es folgerichtig, wenn die Mose-Darstellung ikonografische Elemente integriert, die üblicherweise erst das zweite Mal des Erhalts der Gesetzestafeln begleiten (Hörner bzw. Strahlen am Kopf, Decke zum Verhüllen des Gesichts).

2. In »Der Mann Moses«

In »Der Mann Moses und der Monotheismus« (1939) ergibt die Anwendung der »psychoanalytischen Methode« auf das Textverständnis, dass nicht Mose die Kalb-Anhänger töten lässt, sondern die Kalb-Anhänger an Mose Vatermord begehen. Die überlieferte Erzählung sei die symbolische Rache der später zu erneuter Herrschaft gelangten Mose-Religion. Bezogen auf die Toleranzfrage ist mit dieser Interpretation allerdings kaum etwas gewonnen: Die Erzählung wirkt(e) so, wie sie nun mal lautet. Doch eins wird nocheinmal klar: Für Freud stellt die Erzählung um das »Goldene Kalb« ein Problem dar. Zu Recht.

Günter Schulte leitet aus Freuds »Moses« in den Vorlesungen »Philosophie der Religion« (Universität Köln WS 2002/2003) die Formel ab »Antisemitismus ist Antimonotheismus und damit Antiintellektualismus« (http://www.guenter-schulte.de/materialien/philoreligion/philoreligion_09.html) und beruft sich dabei auf Jan Assmann (Der Fortschritt in der Geistigkeit: Sigmund Freuds Konstruktion des Judentums, in: Psyche, Februar 2002). Da hat jemand die griechische Antike und ihre Bedeutung für Freud verdrängt. Dass Freud Antimonotheismus und Antiintellektualismus zusammen gedacht und den Antimonotheismus schlechthin als barbarisch bezeichnet haben kann, halte ich für ausgeschlossen. So geschichtsvergessen wird er nie im Leben gewesen sein.

Barbarischer Monotheismus

»Ein junger Pharao […], der zuerst Amenhotep (IV.) hieß wie sein Vater, später aber seinen Namen [in Echnaton] änderte […] unternahm es, seinen Ägyptern eine neue Religion aufzudrängen […]. Es war ein strenger Monotheismus, der erste Versuch dieser Art in der Weltgeschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem Glauben an einen einzige Gott wurde wie unvermeidlich die religiöse Intoleranz geboren, die dem Altertum vorher – und noch hange nachher – fremd geblieben« (Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939), Studienausgabe, Bd. 9, S. 471). Religion von Echnaton schreibt Freud »Klarheit, Konsequenz, Schroffheit und Unduldsamkeit« (S. 473) zu. Mose, so rekonstruiert Freud psychoanalytisch, war ein Priester dieser neuen Religion, die von den Nachfolgern Echnatons nur 17 Jahre später wieder aufgelöst wurde. Er suchte sich »ein neues Volk« (S. 478) für seine Religion und fand es in den Juden.

Wenn Freud später den Monotheismus wiederholt als »großen Fortschritt« (S. 534, S. 536, S. 557ff) und den (nichtjüdischen, römischen) Christen nachsagt, sie huldigten »unter einer dünnen Tünche […] einem barbarischen Polytheismus« (S. 539) kann ich das bloß lesen als bittersüße Ironie, wie Freud sie in »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) schon angeschlagen hat: Die Kulturentwicklung ist eine wunderbare, segensreiche Erhebung aus der Barbarei, aber sie trägt – »unvermeidlich«! – die Züge einer neuen Barbarei auf einer höheren Stufe der Organisation und Durchdringung aller Alltagsbereiche in sich. Der Islam, dessen Monotheismus unzweifelhaft konsequenter als der des (trinitarischen) Christentums ist und dem des Judentums exakt entspricht, macht in seiner gegenwärtigen politischen Ausprägung aus Freuds Spekulation blutige Realität.

Freud selber meinte mit den »dünn getünchten« Christen allerdings jene, die sich dem nationalsozialistischen Antisemitismus anschlossen. Diese Analogie freilich kann schon darum nicht überzeugen, weil der deutsche Nationalsozialismus (im Gegensatz zum italienischen Faschismus) keine Anleihen an der hellenistischen Kultur machte; und heute eben vor allem von den Islamisten getragen wird, deren Monotheismus klar, konsequent, schroff und unduldsam ist.

Die Renaissance des Hindu-Radikalismus allerdings zeigt: Es ist auch nicht wahr, dass Polytheismus »intrinsisch friedfertig« sei und gleichsam als eine Art Versicherung gegen die religiöse Gewalt und Intoleranz wirkt, wie Rolf Schieder (Sind Religionen gefährlich?, Berlin 2008, S. 69) meint – und sich dabei ebenfalls auf Freud und Jan Assmann bezieht. Assmann »distanzierte« sich postwendend von sich selber und zugleich von Freud (Monotheismus und Gewalt, 2013, auf: http://www.perlentaucher.de/essay/monotheismus-und-gewalt.html). Der Atheismus, wenn man ihn denn nicht auch als Religion einstufen will (es wäre dann auch eine Spielart des Monotheismus), bietet eine Gewähr gegen Gewalt ebenso wenig; das beweisen die gewalttätigen Regime des Kommunismus im 20. Jahrhundert.

Das Unbehagen in der Kultur

Der Ertrag meiner Re-Lektüre von "Das Unbehagen in der Kultur" findet sich in dem Gestaltsalon-Vortrag "Die Geburt der Gestalttherapie aus dem Geist der Psychoanalyse", als PDF auf dieser Site abrufbar. Ab nächste Woche dann "Der Mann Moses und die monotheistische Religion".

Anknüpfungen für die Gestalttherapie

Die Arbeit mit Träumen in der Gestalttherapie, wie sie speziell von Fritz Perls überliefert ist, knüpft, nach dem Vorangegangenen offensichtlich, noch enger an Freud an, als ich bislang realisiert hatte. Sie revidiert Freud weniger, als dass sie bestimmte Aspekte betont wie etwa (zusammengefasst in sex Punkten):

1. Nicht der Therapeut, sondern der Klient deutet. »Die Technik, die ich im Folgenden auseinandersetze, [... verfährt so ...], dass sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1914], Studienausgabe, Bd. 2, S. 119). »Der Traumdeuter soll nicht seinen eigenen Witz spielen lassen und die Anlehnung an die Einfälle des Träumers hintansetzen« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1925], Studienausgabe, Bd. 2, S. 56).

2. Die in der therapeutischen Situation aktuelle emotionale und kognitive Reaktion des Klienten auf seinen Traum ist entscheidend. Über einen Patienten sagt Freud, er gehöre »einem therapeutisch nicht günstigen Typus«, »die bis zu einem gewissen Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da an fast unzugänglich erweisen« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1911], Studienausgabe, Bd. 2, S. 358). Freud hat zwar ein »Ideal des braven, gefügigen Patienten« (S. 130), wie es aber sich herausstellt, ist diese Ideal der Therapie nicht günstig. Auch Freud entsprach dem Ideal nicht. Im Anschluss an die Deutung eines eigenen Traums bemerkt er: »Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen« (S. 133). Wie wunderbar. Willkommen, Widerstand. Und das Kriterium zur Beantwortung der Frage, ob eine Deutung hinreicht, ist das »Gefühl« des Träumenden. Zur die Analyse eines eigenen Traums schreibt Freud: »Der Traum war mein eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, dass mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 203).

3. Die Traumgegenstände und -personen sind vielfach Repräsentationen (Projektionen) des Träumenden. »Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt. [...] Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, dass mein Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt. ist. Ich darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traum erscheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, dass hinter dem Ich eine andere Person sich durch Identifizierung verbirgt. Der Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. [...] Dass das eigene Ich in einem Träume mehrmals vorkommt oder in verschiedenen Gestaltungen auftritt, ist im Grund nicht verwunderlicher, als dass es in einem bewussten Gedanken mehrmals und an verschiedenen Stellen oder in anderen Beziehungen enthalten ist, z.B. im Satze: Wenn ich daran denke, was für gesundes Kind ich war« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 320f. Der Satz von »Dass das eigene Ich ...« an stammt aus dem Jahr 1925). Bereits Freud bezeichnet den Traum als »Projektion, eine Veräußerlichung eines inneren Vorgangs« (Metatheoretische Ergänzungen zur Traumlehre [1917], Studienausgabe, Bd. 3, S. 180).

4. Der Therapeut gibt dem Klienten »alle die psychologischen Aufklärungen, mit deren Hilfe ich selbst zum Verständnis seiner Symptome gelangt bin« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 162), jener erhebt sich also nicht über diesen und bewahrt sein Herrschaftswissen. Er muss aber nicht alles, was ihm an Assoziationen und Gedanken kommen, mitteilen, sondern dem Klienten Raum zur eigenen Entfaltung lassen: »Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details [...]« (S. 355). Insgesamt ist »kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole« (S. 348) geboten, das heißt verallgemeinert: bei allen Deutungen, die nicht aus den Assoziationen, Einfällen und Ideen des Klienten selbst stammen.

5. Deutungen sind als Angebot – »aber als ich ihm [...] vorschlage [...]« (S. 376; 1909) – formuliert, können im richtigen Augenblick eingesetzt auch provozierenden Charakter haben. »Da [die Patientin] zu dem Hut in [ihrem] Traum keinen Einfall produzieren kann, sage ich zu ihr: ...« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1911], Studienausgabe, Bd. 2, S. S. 355). Und: »Ich vermied es sorgfältig, [der Patientin] die Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1914], Studienausgabe, Bd. 2, S. 368).

6. Es kommt auf das an, was im Hier und Jetzt anliegt. Freud mahnt für den therapeutischen Prozess »Kontakt mit der Aktualität« an, »von größter Bedeutung ist, die jeweilige psychische Oberfläche [sic] des Kranken zu kennen, darüber orientiert zu sein, welche Komplexe und welche Widerstände derzeit bei ihm regegemacht sind.« Eine begonnene Arbeit setze man »nicht wie selbstverständlich fort, sondern erst dann, wenn man merkt, dass inzwischen nichts anderes sich beim Kranken in den Vordergrund gedrängt hat.« Sigmund Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse (1911), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 151f.

Probleme der Beweisbarkeit 6: Nur 1 Traumgedanke per Nacht

»Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem nämlichen Ganzen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 330. — Bei dieser Formbestimmung erläutert Freud nicht, woher sie stammt und wie sie begründet ist. Eine seiner Setzungen, hier nicht einmal als Vermutung gekennzeichnet. Wenn es sich um eine rein empirische Aussage handelt, würde sie gelten, bis das Gegenteil gefunden wird. Eine andere Begründung gibt Freud nicht. Es ist mir auch nicht ersichtlich, dass die Aussage von großer Wichtigkeit sei: Wenn sie nicht stimmte, würde sich sonst an der »Traumdeutung« nichts ändern müssen. Vielleicht sollte die Aussage als Aufforderung gelesen werden, die Suche nach Sinn und Zusammenhang nicht vorschnell abzubrechen.

Probleme der Beweisbarkeit 5: Geht’s immer bloß ums »liebe Ich«?

Träume »sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 171). »Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt« (S. 320f). Aber Zusatz von 1925: »Da alles, was überhaupt im vorbewussten Denken vorkommt, in den Traum (Inhalt wie latente Traumgedanken) übertreten kann, ist diese Möglichkeit auch den altruistischen Regungen offen. [...] Das Richtige an obigem Satz schränkt sich also auf die Tatsache ein, dass man unter den unbewussten Anregungen des Traumes sehr häufig egoistische Tendenzen findet, die im Wachleben überwunden schienen« (S. 274). Freud vermischt hier das moralische Verdikt gegen ein reines Schauen auf den eigenen Vorteil mit der psychologischen Kategorie der Egozentrik bzw. des Narzissmus und dementiert damit seine eigene Aufklärung. Die »fundamentalen Bedingungen« des Traums, die »halluzinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme« (S. 523) und die »motorischen Lähmung im Schlaf« (S. 333), lassen nicht zu, dass es um etwas anderes als um ein selbstgenügsames Ich geht, das die Außenwelt nicht bzw. nur schwach wahrnimmt, die Bedürfnisse jedoch um so stärker, zu deren Befriedigung jedoch nichts anderes als die eigenen Gedanken zur Verfügung stehen. Es findet eine Befriedigung durch Retroflektion statt. Eine moralische Bewertung dieser Retroflektion ist sinnlos, weil die Traumgedanken keiner bzw. nur schwacher Kontrolle – »die Zensur schläft niemals ganz« (S. 470) – durch ein zur Moralität fähiges Bewusstsein (»Zensur«) unterliegen, aber auch unnötig, denn »sie bleiben harmlos, weil sie nicht imstande sind, den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt verändernd beeinflussen kann« (S. 541).

Probleme der Beweisbarkeit 4: Verschiebung

1. Verschleierung des Wunsches, der gegen die Zensur verstoßen würde, durch seine »Verschiebung« ist neben »Verdichtung« der poetische Kern von Freuds »Traumdeutung«. Während das Formelement der »Verdichtung«, also eine Zusammenführung verschiedener Personen, Dinge oder Orte, die sich durch die Assoziationen des Träumenden oft leicht entwirren lässt, meist wenig Widerstand hervorruft, wird die These von der »Verschiebung« seit Erscheinen der »Traumdeutung« heftig bekämpft. Hauptvorwurf: Da die »Verschiebung« an sich nicht zu beobachten sei, bleibe die Deutung einer Handlung, eines Gedankens, eines Traums als Ausdruck des verschobenen Wunsches beliebig. Der Vorwurf setzt allerdings voraus, dass die »Verschiebung« als Deutung einer vom Träumenden differenten Person, eines Experten, ohne Mithilfe des Träumenden selbst gedacht ist. Die »Verschiebung« wäre dann analog etwa der Diagnose einer Wanderniere zu verstehen. Auf diese Art und Weise geht Freuds »Traumdeutung« ausdrücklich nicht vor: »Eine nicht zu beherrschende Quelle der Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, dass das Traumelement den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik, die ich im Folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen wesentlichen Punkte ab, dass sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1914], Studienausgabe, Bd. 2, S. 119).

2. Kann man Verschiebung wenigstens indirekt beobachten bzw. erschließen? Ein Experiment aus den 1960er Jahren: Zwei Personen, eine Frau und ein Mann. Beide weckte man unter Laborbedingungen über einige Nächte aus dem REM-Schlaf, was regelmäßig dazu führt, dass Träume erinnert werden. Man bat die Personen, dem Versuchsleiter ihre Träume zu berichten. Außerdem befanden sie sich in psychoanalytischer Behandlung; auch die Psychoanalytiker fragten sie nach ihren Träumen. Die Versuchspersonen selektierten, welche Träume sie wem berichteten. Die Frau etwa berichtete feindliche oder sexuelle Träume über den Versuchsleiter – was wohl niemanden ausgenommen Wissenschaftler in solchen Laborsituationen überrascht – diesem nicht, wohl aber ihrem Psychoanalytiker. Der Mann berichtete seinem Psychoanalytiker zum Beispiel keine Träume mit homoerotischen Anteilen, wohl aber dem Versuchsleiter. Die Eigenschaften der Traumgedanken – »feindlich«, »sexuell«, »homoerotisch« usw. – waren am manifesten Inhalt allerdings gar nicht immer als solche zu erkennen, sodass die Selektion voraussetzte, dass die Versuchspersonen den latenten Inhalt zumindest unbewusst erkannten und Angst vor der Entdeckung hatten. (Das ursprüngliche Experiment: Roy M. Whitman, Milton Kramer, Bill Baldridge, Which Dream Does the Patient Tell?, in: Archives of General Psychiatry, März 1963, Vol 8, No. 3, S. 277-282. Der spätere Bericht eines der Durchführenden: Milton Kramer, The Dream Experience: A Systematic Exploration [2007], London 2013, S. 36f.)

3. »David, dessen Lern- und Gedächtnisstörungen zu den schwersten je dokumentierten Fällen gehören, kann überhaupt nichts Neues lernen. [...] Über einen Zeitraum von einer Woche konnten wir David unter kontrollierten Bedingungen drei völlig verschiedenen Arten von menschlichen Interaktionen aussetzen. [...] Good Guy, [...] neutraler Guy, [...] Bad Guy. [...] Nachdem wir David Gelegenheit gegeben hatten, die Erfahrungen dieser Begegnungen zu verarbeiten, forderten wir ihn auf, sich Gruppen von vier Fotos anzusehen, die die Gesichter der drei an dem Versuch beteiligten Assistenten enthielten und fragten ihn: ›Zu wem würdest du gehen, wenn du Hilfe brauchst?‹ [...] Davids Antworten waren höchst auffällig. Wenn die Person die sich ihm gegenüber positiv verhalten hatte, zur Vierergruppe gehörte, wählte David den Good Guy in 80 Prozent der Fälle, woraus folgt, dass die Wahl keineswegs zufällig erfolgte – wäre nur die Wahrscheinlichkeit maßgeblich gewesen, hätte sich  David für jedes der vier Fotos in 25 Prozent der Fälle entscheiden müssen. Im Rahmen dieser Wahrscheinlichkeit blieb dann auch Davids Wahl der neutralen Person. Der Bad Guy dagegen wurde fast nie gewählt, was ebenfalls klar von einem zufälligen Verhalten abwich.«  Antonio R. Damasio, Ich fühle, also bin ich (1999), München 2002, S.59ff. — Dieses Experiment hat unmittelbar weder etwas mit Traum noch mit Verschiebung zu tun. Was es zeigt, ist, dass es sehr wohl (vorsichtig ausgedrückt:) nicht-bewusste Verhaltenspräferenzen gibt. Und nichts anderes brauchen wir, um Verschiebung als eine (naturwissenschaftliche) Möglichkeit in Betracht ziehen zu können. Das Problem der Beweisbarkeit von Verschiebung, Verdrängung, vom Konzept des Unbewussten ganz allgemein, wird uns weiter begleiten ...

4. »Freud sagt [...], es lohne sich immer, bestimmte Elemente eines Traumes [...] umzudrehen. Angenommen, ich träume, mein Chef sei zu festlich angezogen, dann kann dies den Wunsch verbergen, ihn nackt zu sehen. [...] Hier wird die ganze Verschiebungsangelegenheit, so wie Freud sie sah, schließlich absurd, denn auf diese Weise können wir einem Traum jede uns passende Bedeutung gegen. Die Annahme, eine Sache können sowohl etwas ganz Bestimmtes wie auch das genaue Gegenteil bedeuten, wäre in jedem anderen Wissenschaftsbereich undenkbar« (Ann Faraday, Die positive Kraft der Träume [1972], Bindlach 1996, S. 101). Hier haben wir sie in Reinkultur, diese so merkwürdige Annahme, aus Freuds »Traumdeutung« müsse folgen, der (latente) Traumgedanke könne, sobald er vom Träumenden berichtet wurde, eine von einem Experten vorgenommene Deutung ganz ohne weiteres Zutun des Träumenden erfahren. Diese Deutung stoße auf eine verdinglichte Wahrheit des Traums, die dann mit dem Träumenden nichts mehr zu schaffen hätte. Wer Verschiebung so definiert, macht es leicht, über deren Annahme den Kopf zu schütteln und Freuds ganze Theorie »absurd« zu nennen. Allerdings hat eine dergestalte Definition mit Freud kaum noch etwas zu tun. Auf diese Weise lässt Freud sich nicht widerlegen.

5. Festzuhalten bleibt m.E., dass die Formbestimmung des Traums als Verschiebung (und Verdichtung) eine Möglichkeit bietet, den Traum als etwas anderes denn »temporären Wahnsinn« oder ähnlichen Unsinn zu definieren. Es leuchtet mir nicht ein, dass gerade Naturwissenschaftler so hartnäckig auf dieser Definition bestehen. Ein Organ, das normalerweise dafür geschaffen ist, Sinn zu produzieren, soll regelmäßig davon abweichen? Ein Produkt dieses Organs, das so regelmäßig auftritt wie der Traum, soll nun auf einmal gänzlich ohne Sinn sein? Da Träume auf der anderen Seite sehr häufig vom Alltagssinn abweichen und gegen Erfahrung und sogar Logik verstoßen, kann ihnen, soweit ich sehe, auf keine andere Weise Sinn beigemessen werden, als dass ihr Sinn »verschoben« sei.

6. Die emotionale Wucht hinter der Abwehr gegen die These der »Verschiebung« von Wünschen im Traum erwächst, psychoanalytisch gesehen, dem Wunsch, keine geheimen, sozial unverträglichen oder den eigenen ethischen Regeln widerstreitende Wünsche zu hegen. Sie gleicht der Reaktion des trotzigen Kindes, das bei der Übertretung einer durch eine Autorität gesetzten Regel sich ertappt fühlt und nun alles ableugnet. Wird mit dieser Deutung die Psychoanalyse gegenüber Kritik auf unlautere Weise immunisiert? Die Frage ist schwer zu beantworten, denn ja, es liegt darin eine gewisse Immunisierung. Allerdings verstieße die Behauptung, es gäbe Menschen und sogar derer viele, die niemals ihrer sozialen oder individuellen Ethik widersprechende Wünsche verspüren, gegen alle Erfahrung. Und die aus der Erfahrung, dass es solche Wünsche tatsächlich gibt, resultierende Annahme, deren Kraft wüsste sich irgendwo und irgendwie im Geheimen und Verborgenen Ausdruck zu verschaffen, also durch »Verschiebung«, ist vielleicht nicht in gleicher Weise zu beobachten, liegt aber jedenfalls ziemlich nahe.

Probleme der Beweisbarkeit 3: Wunscherfüllung

1. Die Probleme, alle Träume als Wunscherfüllung zu deuten, auch unangenehme, peinliche und gar Angstträume, wurden – und werden immer noch – herangezogen, um Freud und die Psychoanalyse zu verspotten. Nun lässt sich die Funktionsbestimmung, der Traum sei eine Wunscherfüllung (weil diese im Dienst als Hüter des Schlafes steht), nicht aus der Deutung als richtig erweisen; sie ist der Deutung vielmehr vorausgesetzt. Lässt sich diese Voraussetzung beweisen? Leichter noch als die übergeordnete Behauptung, der Traum sei Wächter des Schlafes.

2. »Freuds Wunscherfüllungstheorie erwies sich als nicht zutreffend [...]. Wir haben gesehen, dass REM-Deprivation zu keinerlei Erhöhung der Antriebsbereitschaft für sexuelle oder andere Triebregungen führte. Wünsche sind als Trauminhalte äußerst selten, in der Regel dominieren Ereignisse des vergangenen Tages« (Niels Birbaumer und Robert F. Schmidt, Biologische Psychologie [1990], Berlin 2010, S. 562). Zwei interessante Argumente. Das erste, REM-Deprivation führe zu keiner Erhöhung der Antriebsbereitschaft für sexuelle oder andere Triebregungen, ist typisch für eine Form der experimentellen »Überprüfung« der Freudschen Theorie, indem diese so umgedeutet wird, dass sie zu den Experimenten passt (und nicht umgekehrt, die Experimente so designed werden, dass sie die Theorie überprüfen). Denn die Theorie der Wunscherfüllung bezieht sich bei Freud darauf, der Traum erfülle ad hoc einen Wunsch, damit er den Träumenden nicht veranlasse, aufzuwachen, um zur Wunscherfüllung aktiv werden zu müsskönnen. Insofern taugt das Experiment nicht zur Überprüfung der Theorie. Die Behauptung, Traumentzug (falls dieser durch REM-Deprivation bewirkt werden kann) führe zur Erhöhung der Antriebsbereitschaft für sexuelle oder andere Triebregungen, hat Freud meines Wissens nicht aufgestellt.

3. Das zweite Argument, Wünsche seien als Trauminhalte äußerst selten, ist besonders unverständlich. Denn genau das hat auch Freud beobachtet. Der Wunsch ist seiner Theorie nach nicht notwendig im (manifesten) Trauminhalt unmittelbar sichtbar, sondern stellt sich oft erst durch Analyse als latenter Inhalt dar. Der Traum stellt die Wunscherfüllung dar, nicht den zugrundeliegenden Wunsch. Der lässt sich nur erschließen.

4. Das Argument von Freud für die Funktion des Traums als Wunscherfüllung ist m.E. überzeugend: Jede Tätigkeit muss einem Wunsch (Bedürfnis) entspringen; jeder Tätigkeit geht ein Wunsch (Bedürfnis) voran. Aufgrund der Schlafsituation, der Unfähigkeit zu bewusster, zielgerichteter Tätigkeit, also Wunscherfüllung (Bedürfnisbefriedigung), muss der Traum aufkommende Wünsche (Bedürfnisse) als befriedigt darstellen, denn andernfalls würden sie zum Aufwachen führen, um bewusst planen und zielgerichtet handeln zu können. Das ist die »halluzinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme«, von der Freud spricht (Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 523). Das Reich der Träume ist »süß«, weil in ihm Wünsche allein Kraft der Gedanken in Erfüllung gehen, ohne Kraftanstrengung oder Aufschub. Der Traum wird in der Regel nach dem Erwachen wieder vergessen, weil er seine Funktion bereits erfüllt hat. Unbefriedigend sind sowohl die sozio- oder neurobiologische These, der Traum habe keine Funktion (weil nicht einleuchtet, dass ausgerechnet die Traumtätigkeit keine Funktion habe, während alle anderen organischen Vorgänge funktional gedeutet werden), als auch die psychologische These, der Traum sende eine existenzielle Botschaft (denn die meisten Träume, nämlich die vergessenen, wären dann »verschwendet«).

5. In »Jenseits des Lustprinzips« (1920, Studienausgabe, Bd. 3, S. 242) lässt Freud als »Ausnahme« für die Traumfunktion der Wunscherfüllung solche Angstträume zu, die als Folge von Traumatisierung auftreten. Der Begriff »Ausnahme« steht hier allerdings nicht für die sprichwörtliche »Ausnahme für die Regel«, meist eine Entschuldigung für schlampige Argumentation oder gar für Beliebigkeit. Denn der Angsttraum als Folge von Traumatisierung dient (laut Freud) der »Reizbewältigung«; eine solche wäre Vorbedingung dafür, dass das Lustprinzip wieder zur Geltung kommen könnte. Diese Argumentation von Freud führe ich hier an, weil sie beweist, dass Freud mit »Wunscherfüllung« tatsächlich die (halluzinatorische) Erfüllung eines Wunsches im Hier und Jetzt des Traums meint. Die exakte Definition lautet: Der Traum sei »immerhin« der »Versuch einer Wunscherfüllung« (Sigmund Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse [1933], Vorlesung 29 »Revision der Traumlehre«, Studienausgabe, Bd. 1, S. 471) bzw. der Herstellung der Bedingung der Möglichkeit von Wunscherfüllung.

Wo steckt #6?

Probleme der Beweisbarkeit 2: Neurobiologie b

1. Der neurowissenschaftliche Schlaf- und Gedächtnisforscher Jan Born zieht die Vorstellung in Zweifel, ein Traum finde über eine Zeitspanne während des Schlafens statt: »Es ist die Regel, dass Träume nicht erinnert werden. Ohnehin ist das Gehirn im REM-Schlaf wohl nicht in der Lage, tatsächlich traumartige Erlebnisse in der Weise zu produzieren, wie wir sie nach dem Aufwachen erinnern. Das heißt, was wir tatsächlich im REM-Schlaf erleben, wissen wir nicht. Der Traum, an den wir uns nach dem Aufwachen vermeintlich erinnern, ist eine Leistung des wachen Gehirns. Es versucht sich an etwas zu erinnern, was zuvor während des Schlafs angeblich erlebt wurde. Ob es sich bei dem erinnerten Traum nur an eine fehlerhafte Rekonstruktion eines vermeintlichen Erlebnisses handelt, wissen wir nicht. Aber aufgrund der Gehirnaktivität im REM-Schlaf können wir annehmen, dass da nicht viel erlebt wird und das Gehirn von dem, was da im REM-Schlaf passiert, auch nicht viel behalten kann.« Jan Born, in einem Interview »Der Tagesspiegel«, 17. 7. 2013. »Für den Schlaf- und Gedächtnisforscher Jan Born, 54, sind sogar unsere Träume Konstrukte: Erfindungen, die das erwachende Gehirn aus den Nervensignalen der letzten unruhigen Schlafminuten zusammenbaut. Er kann das zwar nicht beweisen. Aber seine Gegner, die an ein reales Traum-Erleben glauben, ›aus reiner, laienhafter Intuition heraus‹, wie der Psychologe schimpft, können ihren Standpunkt ebenso wenig belegen.« Judith Rauch, Die Macht des traumlosen Schlafs, in: Bild der Wissenschaft 12/2012, S. 32. — Die These von Jan Born würde Freud sicherlich enttäuschen, vielleicht sogar schockieren. Bei näherem Hinsehen widerlegt sie die »Traumdeutung« aber genauso wenig wie Edward O. Wilson. Die Assoziationen aus vermeintlich im Schlaf Erinnertem sowie aus frei umherschweifenden Gedanken, die Gegenwärtiges, Vergangenes und Vorwegnehmendes verbinden, hätten genau die gleiche Qualität, die Freud dem Traum zugesprochen hat. Tatsächlich geht die enttäuschende Nachricht an Edward O Wilson: Jan Born zeigt, dass sich das (Langzeit-) Gedächtnis im traumlosen Tiefschlaf bildet und nicht – wie von Neurowissenschaftlern bislang angenommen – in der traumintensiven REM-Phase. (Jan Born u.a., Boosting Slow Oscillations During Sleep Potentiates Memory, in: Nature, Bd. 444, Nr. 7119, November 2006, S. 610ff. Jan Born u.a., Odor Cues During Slow-Wave Sleep Prompt Declarative Memory Consolidation, in: Science, Bd. 315, Nr. 5817, März 2007, S. 1426ff.) Das hieße, die Arbeitshypothese, (Angst-) Träume mit z.B. Schlangen seien eine kollektiv menschheitsgeschichtlich erinnerte Warnung vor deren Gefährlichkeit, würde noch mehr an Erklärungskraft und Attraktivität verlieren.

2. Allerdings könnte die Funktion, die Freud dem Traum als »Wächter des Schlafes« zugesprochen hat, in der Weise nicht aufrechterhalten bleiben (was der »Traumdeutung« weder etwas hinzutun, noch ihr etwas wegnehmen würde). Die Funktion des über den Schlaf Wachens könnte allenfalls für Schlussphase beim Erwachen gelten. Doch würde Borns These besonders die Bequemlichkeitsträume erklären, die für Freud so wichtig waren. Aber auch Träume, in denen geliebte gestorbene Personen noch einmal halluzinatorisch zum Leben erweckt werden. Dennoch würde man auch von Born gern eine Erklärung für die Funktion des Traums haben, denn gerade für einen Naturwissenschaftler sollte die Antwort, eine so signifikante und einzigartige Denktätigkeit wie das Träumen sei ohne Funktion und ein rein zufälliges Nebenprodukt – »ein weitgehend ›sinnloser‹ physiologischer Prozess [...], bei dem größtenteils zufällige Entladungen des Hirnstamms von anderen Teilen des Gehirns aufgenommen und zu einem ›pseudosinnvollen‹ Ganzen verarbeitet werden« wie Thomas Städtler in seinem »Lexikon der Psychologie« ([1998], Stuttgart 2003) meint –, eher unbefriedigend sein. Es wird aber doch nicht ohne Bedeutung sein, wie und warum das Gehirn ein »›pseudosinnvolles‹ Ganzes« so und nicht anders hergestellt hat. Der Satiriker Mynona (Pseudonym des Philosophen Salomo Friedlaender [1871-1946]) machte sich in der Serie »Das Eisenbahnunglück oder der Anti-Freud« 1925 darüber lustig, wie gegen Freud immer wieder eingewandt werde, bedeutsame Alltagshandlungen geschähen rein zufällig. Eine Gruppe von älteren Herrn begibt sich daran, Freud zu widerlegen, indem sie reihum erzählen, dass alle ihre sexuellen Erlebnisse keinem Wunsch, vor allem nicht etwa einem – igitt!, sexuellen – Bedürfnis entsprechen, sondern aus reinem, durch äußerliche Einwirkung entstandenen Zufall erwachsen, wie etwa einem Einsenbahnunglück, durch das einer der Herren zufällig, ohne sein Zutun, geschweige denn durch seine Absicht auf eine junge, attraktive Frau geworfen und so zum Vollzug des Koitus gleichsam gezwungen wurde. Bis heute hat sich an solch albernen Abwehrreaktionen gegen Freud auch und vor allem in der »Wissenschaft« nichts geändert.

3. Überdies würde die These von Jan Born den Zusammenhang zwischen Schlaftraum und Tagtraum noch stärker herstellen. Der Traum im Schlaf bzw. nach Born: in der Aufwachphase wäre tatsächlich nichts anderes als eine Art Tagtraum. Dennoch sind die Unterschiede zwischen Schlaf- und Wachtraum immens. Ein Wachtraum wird, auch wenn es ein chaotisches Hin und Her zwischen Schauplätzen und Gedanken geben kann, nie so gegen die Regeln der Logik und der Wahrnehmung verstoßen wie es ein Schlaftraum mitunter tut. Dies wäre in der These von Born erklärungsbedürftig. Mit der These Jan Borns stimmt dagegen überein, dass beim Erwachen Angst auftreten kann. Sie bräuchte nicht als Resultat des Traums angesehen zu werden (was für Freuds Funktionsbestimmung des Traums als »Wächter des Schlafes« so hinderlich ist), sondern der Erinnerung an die Angst, die der Erwachende im wachen Leben hat. Aber: Wer oder was wacht dann über den Anfang des Schlafs, reduziert Angst und Anspannung des Lebens so weit, dass man einschläft und weiterschläft? Und selbst wenn dies allein mit unwillkürlichen Neurotransmittern o.ä. zu erklären wäre, hätte das, was diese im Gehirn als »Nebenwirkung« auslösen, psychische Signifikanz. »Freud hatte das Genie, auf Themen zu stoßen, die trivial und irrelevant waren und zugleich eine universelle gemeinsame Erfahrungsbasis haben. Erinnerungslücken, bedeutungslose kleine Gesten: diese galten als trivial; Träume wurden nie als trivial angesehen, aber waren irrelevant. Was?, wie konnten diese Dinge trivial und irrelevant sein und zugleich eine universelle gemeinsame Erfahrungsbasis haben?« (Paul Goodman, in der Einleitung zu: Sigmund Freud, On War, Sex and Neurosis, hg. v. Sander Katz, New York 1947, S. 7.)

4. Weckträume, ein Aus-dem-Schlaf-Schrecken aufgrund eines Albtraums: Spiegelt sich in dieser Erfahrung nur eine Illusion? So müsste es sein, falls Born Recht hat.

5. Die von Freud im Traumbericht beobachtete Mischung aus Zensurumgehung und Fortwirken der Zensur würde sich mit Borns These erklären lassen: Es handelt sich wirklich um einen Schwebezustand zwischen Schlafen und Wachen.

6. Und, so lautet eine weitere Rückfrage an die These von Jan Born: Warum gibt es unter Menschen (und, vielleicht, sogar höher entwickelten Tieren) das universelle Phänomen des Traums, seiner Wichtigkeit und Bedeutung? Warum wird Schlaf universell mit dem »süßen Land der Träume« assoziiert, wenn es sich nicht um eine vollzogene Wunscherfüllung handelt?

Probleme der Beweisbarkeit 1: Neurobiologie a

1. Als ein Beispiel für die Behauptung, Freuds »Traumdeutung« sei durch die Neurobiologie widerlegt, verweise ich auf das Buch »Die Einheit des Wissens« des Ameisenforschers und Soziobiologen Edward O. Wilson. Freuds »Traumdeutung« beruht laut Wilson auf »falschen Vermutungen« (Edward O. Wilson, Die Einheit des Wissens, Berlin 1998, S. 101ff). Die seiner Meinung nach neurologisch richtige Theorie über das Träumen: Der Traum entstehe im Organismus, der aufgrund des Schlafes von sinnlichen Eindrücken weitgehend abgeschnitten ist (genau davon geht auch Freud aus) und dessen Gehirn gleichwohl mit Botenstoffen vermeintlich Daten der Außenwelt empfängt (die neurobiologischen Vorgänge waren Freud unbekannt; sie widersprechen seinem Ausgangspunkt aber, soweit ich sehe, in keiner Weise).* Diese Daten werden nun nach den Mustern des Wachzustandes entschlüsselt. Darum können sie keinen Sinn ergeben. Der Traum ist »temporärer Wahnsinn«, das heißt, Entschlüsselung ohne reale, sinnliche Daten der Außenwelt. *Freud spricht von einer »motorischen Lähmung im Schlaf« sowie einer »halluzinatorischen Besetzung der Wahrnehmungssysteme« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 333, S. 523). »Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns« (S. 142) und, so wäre zu ergänzen: weitgehend an Stelle des sinnlichen Wahrnehmens der Außenwelt.

2. Was auch immer wir mit Wilsons Hinweis anfangen können, sie hat keine Auswirkung auf die Frage, ob Freud im Recht ist oder nicht. Dies bemerkt auch Wilson: Die Aufklärung der neurobiologischen Vorgänge sage noch nichts über den Trauminhalt aus. Denn auch wenn zufällige Daten übermittelnde Botenstoffe das Träumen auslösen, so wäre es doch interessant zu wissen, warum wir diese in der einen oder anderen Weise entschlüsseln. Wir geben den chaotischen chemischen Botschaften einen Sinn und orientieren uns dabei selbstverständlich an dem, was wir kennen oder wünschen. Wilson wendet sich einem Trauminhalt zu, den Freud einige, wohlgemerkt: wenige Male* angesprochen hat, nämlich dem Angsttraum mit Schlangen. Die Verbreitung des Schlangentraums schließt weitgehend aus, dass es sich um ein Zufallsprodukt handelt. Die Arbeitshypothese, die Wilson formuliert, lautet: Für Primaten ebenso wie für den Urmenschen stellten Schlangen eine große Bedrohung dar. Die Vorsicht vor Schlangen ist also ein biologischer Imperativ. Dieser könne sich durchaus in einem »kollektiven Unbewussten« (damit knüpft Wilson an einen problematischen Begriff C.G. Jungs an, der mit der Theorie Freuds nicht stillschweigend gleichgesetzt werden sollte) oder gar im genetischen Code niedergeschlagen haben. Diejenigen Personen, die eine besonders produktive Angst vor Schlangen zeigten, hatten die größeren Überlebenschancen und darum vermehrten sie sich so weit, dass heute alle Menschen über diesen Schutzmechanismus verfügen, selbst wenn er nicht mehr für alle Menschen notwendig ist. *In der »Traumdeutung« wird die Schlange nicht mehr als drei Mal in untergeordneter Rolle erwähnt (Studienausgabe, Bd. 2, Symbolregister S. 630).

3. Die Arbeitshypothese hat zwei entscheidende Fehler: Zunächst einmal kann Wilson trotz seiner beeindruckenden Zahlen über die Todesrate aufgrund von Schlangenbissen (z.B. in Burma: 36,8 Tote auf 100.000 Einwohner) nicht zeigen, dass der Tod durch Schlangenbiss bei Primaten und Menschen in Relation zu anderen Todesursachen hervorsticht. Ein solcher Nachweis wäre aber notwendig. Denn es wäre ja evolutionsbiologisch nicht einzusehen, warum eine relativ minder wichtige Todesursache in das »kollektive Unbewusste« oder den genetischen Code Einzug hält, während andere, relativ bedeutendere Todesursachen dies nicht tun. Da der Urmensch durch vielerlei Todesursachen bedroht wurde, reicht es logisch gesehen also nicht aus, ein einzelnes Verhalten wie Furcht vor Schlangen isoliert zu betrachten. Ziehen wir nur einen einzigen weiteren Faktor hinzu, zeigt sich, wie komplex die Sache wird. Nehmen wir an, dass der Urmensch neben dem Schlangenbiss auch durch das Verspeisen von giftigen Pilzen bedroht war. Sofort fragen wir uns, warum nicht auch ein Angsttraum vor giftigen Pilzen Eingang in unser »kollektives Unbewusste« oder in unseren genetischen Code gefunden habe. Dies wäre nur dann einsichtig, wenn man beweisen könnte, dass die Bedrohung durch giftige Schlangen über einen langen Zeitraum hinweg bedeutender als die durch giftige Pilze* gewesen ist. Darüber hinaus gibt es noch einen zweiten Schwachpunkt in Wilsons Arbeitshypothese. Da er so ganz auf empirische Fakten setzt, leuchtet nicht ein, warum er Freuds Beobachtung, dass der Traum von Schlangen – meist? stets? – mit sexuellen Vorstellungen assoziiert auftritt, nicht beachtet. Die Assoziation von Schlangenangst mit unterdrückter sexueller Lust ist ja keine Deutung von Freud, sondern zunächst eine empirische Feststellung. (Oder wird diese Assoziation durch die analytische Methode hervorgerufen? Durch den Analytiker suggeriert?) Geben wir probehalber zu, dass die erste Ursache für die Angst vor Schlangen eine biologische Funktion im Überlebenskampf der Urmenschen hatte; so spricht Freud denn auch von einer »dem Menschen natürlichen Furcht vor der Schlange« (Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 342). Das schließt logisch gesehen jedoch nicht aus, dass diese Angst unter zivilisatorisch weiterentwickelten, neurotischen Menschen, die keine Angst vor Schlangen mehr benötigen, einen anderen Inhalt bekommt, der ein rein psychologisches Wesen hat. Mit dieser Überlegung kann Freuds »Traumdeutung« noch nicht als richtig bewiesen angesehen werden. Darum geht es mir an dieser Stelle auch gar nicht. Es ist aber wohl bewiesen, dass Wilsons Zurückweisung von Freud aufgrund neuro- und soziobiologischer Annahmen nicht stichhaltig ist. *Unter den Pilzen eignet sich, by the way, besonders die Gemeine Stinkmorchel (Phallus impudicus) für allfällige Sexoziationen.

4. Im Übrigen stellt Wilson Freuds Theorie unrichtig, zumindest ungenau dar. Die symbolische Deutung von Träumen ist nur ein Nebenaspekt. Was bei Wilson ganz fehlt, ist die funktionale These vom Traum als Wunscherfüllung. Diese These beruht auf der Erkenntnis, dass im Traum keine anderen (bzw. kaum andere) als innere Wahrnehmungsdaten zugänglich seien. Das heißt, Wilsons Behauptung über die neurologische Entstehungsbedingung des Traums lässt sich nicht nur nicht gegen Freud in Stellung bringen, sondern sie wird von Freud geradezu vorweggenommen.

5. Wilsons Arbeitshypothese klingt auch insofern merkwürdig, weil die Frage doch lautet, warum die Warnung vor Schlangen sich gerade in Träumen ziemlich unspezifisch ausdrückt. Und: Warum werden nicht alle Menschen durch Schlangenträume gewarnt? Warum nicht vor anderen Gefahren? Werden Menschen, die durch Schlangenträume »gewarnt« werden, dann auch seltener von Schlangen gebissen? Denn andernfalls hätte der Traum in seiner Funktion als Warnung versagt und sich evolutionsbiologisch gesehen deshalb nicht verbreiten dürfen. Haben Menschen mit Schlangenträumen tatsächlich einen Überlebensvorteil? Und wenn der Traum als Warnung wichtig wäre, warum wird er dann meist vergessen?

6. Jedenfalls bestätigt Wilsons Arbeitshypothese auch Freuds Ausgangspunkt, dass es sich bei Träumen um vollgültige psychische Gebilde handelt, nach Wilson stärker noch der normalen wachen Rationalität ähnlich (nämlich als sinnvolle Warnung) als nach Freuds Theorie von Verdichtung und Verschiebung. Wilsons Kennzeichnung der Träume als »temporärer Wahnsinn« hätte sich durch ihn selber erledigt.

Vorurteil 69: Überall »Verschiebung«! »Manifeste« Inhalte seien unbedeutend!

Werfen wir erneut einen Blick auf den »Irma-Traum«, der eine Schlüsselstellung einnimmt, weil an ihm Freud die Traumdeutung demonstriert: »›Ich mache Irma [einer Freundin und Patientin Freuds] Vorwürfe, dass sie die Lösung nicht akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld.‹ Das hätte ich ihr auch im Wachen sagen können. [...] Ich merke aber an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, dass ich vor allem nicht schuld sein will an den Schmerzen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 128. — Der Sinn des Traums erscheint an dieser Stelle nicht vernebelt; manifester und latenter Inhalt treten hier nicht auseinander. Die Wunscherfüllung leuchtet unmittelbar ein. Und so stellt Freud fest: »Was man [...] träumt, ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen gib.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 195.

Vorurteil auf der Hut: Von Neurotikern auf Normalität geschlossen.

1. Ein schon bald nach der Erstveröffentlichung der »Traumdeutung« erhobener und bis heute nicht verstummter Vorwurf lautet, »dass die Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe«. Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1914), Studienausgabe, Bd. 2, S. 367.

2. Aus der Vorbemerkung zur ersten Auflage: »Ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt, dass hier die Träumvorgänge einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 21.

3. »Im Verlauf meiner Psychoanalysen [...] habe ich wohl bereits über tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, dass ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von Neuropathen, die einen Rückschluss auf die Träume gesunder Menschen nicht gestatten [...]« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 124.

4. Es sei »misslich, Schlüsse aus« Träumen von »neurotischen, speziell hysterischen Personen« zu ziehen, »die für den Traum im allgemeinen gelten sollen«, denn deren Eigenschaften »könnten durch die Natur der Neurose und nicht durch das Wesen des Traums bedingt sein«. Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 214.

5. [Zensur.]

6. [Zensur.]

Vorurteil 6+1: Beanspruche Objektivität!

1. Einfluss des Kontexts: Sprache, Kultur, Bildung. — »Da [die Patientin] zu dem Hut [›dessen Seitenteile nach abwärts hängen (...) und zwar so, dass der eine tiefer steht als der andere‹] in [ihrem] Traum keinen Einfall produzieren kann, sage ich zu ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale. [...] Man sagt ja auch: ›Unter die Haube kommen!‹ [...] [Die Träumerin] findet dann den Mut zu fragen, was es bedeute, dass bei ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere [...]. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1911], Studienausgabe, Bd. 2, S. 355). Freud regt die Deutung des Traumelements »Hut« der Patientin an, damit sie an ihr weitere, eigene Assoziationen entwickelt. Der Hut mag in diesem Traum dieser Patientin ein männliches Genitale symbolisieren, nicht ohne individuellen Zusammenhang immer und überall. Der arg hinkende Vergleich mit der Redewendung »unter die Haube kommen« (heiraten) verweist unmissverständlich auf einen sprachlich-kulturellen Kontext. Sprachklangliche Assoziationen wie Dysenterie, Diphtherie (S. 134 und S. 295) oder Propylpräparat, Propylen, Propionsäure, Ananas-Likör, Irma, Amyl (Fuselgeruch), Propyl, Methyl, Trimethylamin (S. 135 und S. 295) oder Phenyl, Benzyl, Azetyl, Schlemihl (S. 376) sind außerhalb eines engen fachsprachlichen Raumes nicht verständlich. Freud diskutiert weitere Beispiele (S. 297ff), die sich allesamt nur im Rahmen ihres subjektiven sprachlichen Umfelds verstehen lassen.

2. Einfluss des Kontexts: Die analytische Methode. — Entstehen nicht »während des Analysierens neue Gedankenverbindungen [...], die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur bedingt beitreten. Dass einzelne Gedankenverbindungen erst während der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber [...]« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 283). Freud führt dann Gründe auf, die ihn annehmen lassen, die Assoziationen gehörten weitgehend zu den Traumgedanken; es bleibt jedoch festzuhalten, dass er die nachträgliche, durch die Methode der Analyse hervorgerufene Hinzusetzung neuer Gedanken nicht ausschließen kann und auch nicht ausschließen will. Vielleicht ist diese Unterscheidung zwischen im Traum enthaltenen und nachträglichen Gedanken nicht nur unmöglich, sondern auch unwichtig? Kryptisch formuliert Freud 1919, dem nachträglich hinzugesetzten Material »ist man gewohnt, geringe Bedeutung zuzuschreiben. Man legt auch keinen Wert auf die Behauptung, dass alle diese Gedanken an der Traumbildung beteiligt gewesen seien« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900; hier: 1919], Studienausgabe, Bd. 2, S. 310). Um dieses Material zu identifizieren und auszugrenzen müsste »man« dafür ein Kriterium haben und ihm sicherlich großen Wert beilegen.

3. Dieser eigenartige Schwebezustand wiederholt sich noch einmal an einer späteren Stelle. Wir brauchen »nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen. [...] Es erweist sich vielmehr, dass wir bei Tag über neue Gedankenverbindungen Schachte führen, welche die Zwischengedanken und die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener Stelle treffen. Wir können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des Tages in die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die Widerstandsneigung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu neuen und ferneren Umwegen. Die Zahl oder Art der Kollateralen aber, die wir so bei Tag spinnen, ist psychologisch völlig bedeutungslos, wenn diese uns nur den Weg zu den gesuchten Traumgedanken führen« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 509). Merkwürdig bleibt, wie wir denn sehen können, dass sich frisches Gedankenmaterial einschiebt. Merkwürdig zudem, dass das frische Gedankenmaterial bedeutungslos sein soll, wo es doch der Widerstandsneigung entspringt, die sicherlich bedeutungsvoll und für die Analyse von großer Wichtigkeit ist. Die Möglichkeit, schreibt Freud denn auch später, dass »Suggestionen« die Assoziationen der Klienten zum Traum und damit die Traumdeutung beeinflussen, verliert ihren »Schrecken« angesichts der Einsicht, »die Beeinflussung der Träume des Patienten sei für den Analytiker nicht mehr Missgeschick oder Schande als die Lenkung seiner bewussten Gedanken. Dass der manifeste Inhalt der Träume durch die analytische Kur beeinflusst wird, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das folgt ja schon aus der Einsicht, dass der Traum ans Wachleben anknüpft und Anregungen desselben verarbeitet. Was in der analytischen Kur vorgeht, gehört natürlich auch zu den Eindrücken des Wachlebens« (Sigmund Freud, Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung (1923), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 263).

4. Symbolübersetzungen sind wahrscheinlich, nicht zwingend. — Bei hohem »Widerstandsdruck« (der Patient gibt also keine Assoziationen zu seinen Träumen) beschließt man (also der Therapeut), »sich nicht viel zu plagen und ihm nicht viel zu helfen, und begnügt sich damit, [dem Patienten] einige Symbolübersetzungen, die man für wahrscheinlich [sic] hält, vorzuschlagen« (Sigmund Freud, Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung [1923], Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 260).

5. Symbole müssen nicht bei allen Träumern für das Gleiche stehen. — Ein besonders von natur- oder experimentalwissenschaftlich Denkenden vorgebrachter Einwand gegen Freuds Traumdeutung lautet, die Richtigkeit einer gegebenen Deutung könne nicht bewiesen werden; eine beliebige andere Deutung zu jedem Traum sei ebenso möglich und es gäbe kein Kriterium zu entscheiden, welche von beiden die richtige sei. Dieser Einwand geht davon aus, das Ziel der Traumdeutung bestehe darin, ein im Leben des Klienten früher oder gegenwärtig objektiv gegebenes Datum zu entdecken. Oder es wird verlangt, eine symbolische Deutung eines Traumelements müsste in den Träumen verschiedener Menschen jeweils das Nämliche bedeuten. Herbert Selg (Sigmund Freud: Genie oder Scharlatan?, Stuttgart 2002, S. 41) etwa wirft Freud vor, den »Hut« in einem Traum als Symbol für das männliche, im Traum einer anderen Person als Symbol für das weibliche Genital zu deuten.* Damit sei die symbolische Traumdeutung »karikiert«. Dagegen ist zu betonen, dass der Traum in der Deutung Freuds als Ausgangspunkt für das gegenwärtige Erleben des Klienten dient. Dieses gegenwärtige Erleben kann niemals falsch sein (es sei denn, der Klient würde den Analytiker bewusst in die Irre führen wollen und etwa über Assoziationen sprechen, die er gar nicht im Zusammenhang mit dem Traum hat). (Insoweit entspricht Freuds »Traumdeutung« erkenntnistheoretisch dem phänomenologischen Begriff der Wahrheit bei Husserl.) *Dies habe ich bei Freud nicht nachweisen können, obwohl Freud ausdrücklich sagt, der Hut stehe für Genitale und zwar »vorwiegend« (also nicht stets) das männliche (Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom [1916], in: Sigmund Freud, Schriften zur Neurosenlehre, Wien 1931, S. 21). Im »Handwörterbuch der Sexualwissenschaft«, hg. v. Max Marcuse, beschreibt O. F. Scheuer den »Hut« als »bisexuelles Symbol« (1926, Berlin 2001, S. 286); was mir aufgrund der Form des Hutes unmittelbar einsichtig ist. Oskar Franz Scheuer (1876-1941), Wiener Hautarzt, Holocaustopfer, hat eine kulturgeschichtliche Monografie über den Hut verfasst (Der Hut und seine Geschichte, Leipzig 1914). Die wichtige Vorstudie Freuds zu »Das Unbehagen in der Kultur« (1930), »Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität«, erschien 1908 in der von Max Marcuse (1877-1963) herausgegebenen Zeitschrift »Sexual-Probleme«.

6. Für ältere Träume gilt: Weder kann der Klient Auskunft darüber geben, was der Traum damals für ihn bedeutet hat, noch kann der Analytiker durch irgendeinen Trick ermitteln, welche Bedeutung der alte Traum für den Klienten zum Zeitpunkt des Traumes objektiv hatte. Auch kann der alte Traum nicht  dazu dienen zu ermitteln, ob zu dem Zeitpunkt des Traumes ein bestimmtes Ereignis wirklich stattgefunden hat. Das, was Gegenstand der Traumdeutung sein kann, sind die Gedanken und Gefühle, die der Traum gegenwärtig beim Klienten auslöst. Und das ist von Bedeutung.

Vorurteil 6: Dringe stets zum sexuellen Inhalt vor!

1. Aus der Deutung eines eigenen Traums, gegen die Freud sich sträubte, weil ihm der Traumgedanke peinlich war: »Wenn für den Aufschub der Ernennung [zum Professor] meiner Freunde R. und N. ›konfessionelle‹ Rücksichten maßgeblich sind, so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt [weil alle drei Juden waren]; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum; er macht den einen, R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 156. — Karrierehoffnung, weit und breit kein sexuelles Motiv.

2. Im »Irma-Traum« wirft Freud seinem Freund Otto vor, dessen ärztliche Sorgfaltpflicht vernachlässigt zu haben. Freud fühlte sich durch Otto, wie Freud nach Analyse seines Traums meinte, tags zuvor indirekt wegen der ausbleibenden Erfolge bei der psychoanalytischen »Kur« der gemeinsamen Bekannten Irma kritisiert. »›Man macht [...] Injektionen nicht [...] leichtfertig.‹ Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund Otto geschleudert.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 136. Ein weiteres Detail aus dem »Irma-Traum«: »›Ich mache Irma Vorwürfe, dass sie [meine] Lösung nicht akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld.‹ Das hätte ich ihr auch im Wachen sagen können. [...] Ich merke aber an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, dass ich vor allem nicht schuld sein will an den Schmerzen.« (S. 128.) — Die Wunscherfüllung des Traums verweist in beiden Fällen nicht auf einen sexuellen Inhalt, sondern auf Schuldumkehr und Schuldabkehr. Und wenn wir uns schon weitergehenden sexuellen Fantasien ohne Mithilfe des Träumenden hingeben wollen, schlage ich – angelehnt an Erik H. Erikson (Das Traummuster in der Psychoanalyse [1954], in: Heinrich Deserno [Hg.], Das Jahrhundert der Traumdeutung, Stuttgart 1999, S. 87ff) – vor, die Otto zugeschriebene Injektion als männliche Konkurrenz um Irma im Hier und Jetzt zu deuten und Freuds Vorwurf an Irma als Ausdruck dafür, dass sie die falsche Wahl getroffen habe. Solche »verwilderten Deutungen«, wie Freud sie nannte (Die Traumdeutung, S. 348; Zusatz von 1914), sagen sicherlich viel aus – über den Deuter, nicht über den Träumenden.

3. »Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den Durst zu löschen, nicht mit einem Traum zu befriedigen, wie mein Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute [sic] Wille ist der gleiche.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 142. — Zwei nicht-sexuelle Wunscherfüllungen: Durst und Rachedurst. Poetisch, die Parallele zwischen »Durst« und »Rachedurst«. Und bemerkenswert, dass das primitive körperliche Grundbedürfnis des Dürstens nicht so unkompliziert und schon gar nicht »mit einem Traum« befriedigt wird, wohl hingegen der kulturell verfeinerte Rachedurst auf diese wenig spektakuläre und sozialverträgliche Weise sich stillen lässt.

4. Traurig ist der Anlass für den Traum eines Vaters, »der das Leben« des gestorbenen Kindes »um einen Moment verlängert« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 543): Nachdem der Vater »tage- und nächtelang am Krankenbett seines Kindes gewacht« hat, ist es gestorben. Er »begibt sich in einem Nebenzimmer zur Ruhe, lässt aber die Tür geöffnet, um aus seinem Schlafraum in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes aufgebahrt liegt, von großen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd. Nach einigen Stunden Schlafs träumt der Vater, ›dass das Kind an seinem Bette steht, ihn am Arme fasst und ihm vorwurfsvoll zuraunt: Vater, siehst du denn nicht, dass ich verbrenne?‹ Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der teuren Leiche verbrannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war. [...] [Wir dürfen] uns verwundern, dass unter solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zustande kam, wo das rascheste Erwachen geboten war. [...] Auch dieser Traum [entbehrt nicht] einer Wunscherfüllung. Im Traum benimmt sich das tote Kind wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht ihn am Arm [...]. Dieser Wunscherfüllung zuliebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment verlängert. Der Traum enthielt das Vorrecht vor der Überlegung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst erwacht und hätten dann den Schluss gezogen, der ihn ins Leichenzimmer führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen einen Moment verkürzt« (S. 488f).

5. In der Empörung, die Freuds These seinerzeit auslöste und immer noch fast unvermindert auslöst, dass in Träumen vielfach – zum Teil versteckt – sexuelle Motive auftauchen, hat allerdings auch mit Sexualabwehr durch die Zensur (des begrifflich erst später eingeführten Über-Ich) zu tun. Dass es nach Freud in Träumen oft um andere Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken (sowie, vor allem, um Schlafen und Ruhen) sich dreht, ruft keine ähnlich gelagerte Empörung und Zurückweisung der Art hervor: Will er uns etwa einreden, dass wir immer nur ans Fressen denken?, wie einseitig!, wie widerlich! »Der Traum als existenzielle Botschaft«, das ist nicht weniger Sexualabwehr als »der Traum ist purer Nonsens«. Erleichtert atmen mann auf, wenn bestätigt wird, sei es durch C.G. Jung, sei es gar durch den schmuddeligen Fritz Perls, nicht »alles« lasse sich auf Sex zurückführen; wobei »nicht alles« durch die Zensur flugs in »nichts« verkürzt wird. Es folgt hier, nota bene, kein #6.

Vorurteil 5: Zurück in die Kindheit!

1. Im Hier und Jetzt wurzeln zum Beispiel die »Bequemlichkeitsträume«: »Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den Traum, dass ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht aufzuwachen, um ihn zu befriedigen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 142. (Ich für meine Person muss gestehen, dass ich Bequemlichkeitsträume, wie sie von Freud beschrieben werden, nicht erinnere. Allerdings ist eine meiner frühesten Erinnerungen der Traum von einem Weitpinkelwettbewerb mit meinen drei Vettern im Garten unserer Großmutter. Den Blechkanister kann ich mir noch heute vor Augen führen. Am Morgen merkte ich, dass ich eingenässt hatte, und seitdem schaudert mich vor »solchen« Träumen.)

2. Nocheinmal der »Irma-Traum«: »Ich merke [...] an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, dass ich vor allem nicht schuld sein will an den Schmerzen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 128. — Die Deutung des Traums führt nicht in die Kindheit. Auch in diesem Fall verweilt der Traumgedanke im Hier und Jetzt. Es ist ein »Gegenwartstraum«, wie Freud sagt (S. 172).

3. Die Deutung des Traums führt in der Tat nicht immer in die Kindheit, vielmehr zu einem Problem im Hier und Jetzt: »Da [die Patientin] zu dem Hut [›dessen Seitenteile nach abwärts hängen (...) und zwar so, dass der eine tiefer steht als der andere‹] in [ihrem] Traum keinen Einfall produzieren kann, sage ich zu ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale. […] Die Träumerin [...] findet dann den Mut [sic] zu fragen, was es bedeute, dass bei ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 355.

4. »Wenn für den Aufschub der Ernennung [zum Professor] meiner Freunde R. und N. ›konfessionelle‹ Rücksichten maßgeblich sind, so ist auch meine Ernennung in Frage gestellt [weil alle drei Juden waren]; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum; er macht den einen, R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 156. — Karrierehoffnung, weit und breit keine Rückführung in die Kindheit. In der Deutung eines anderen eigenen Traums stößt Freud umgekehrt auf den »Neid gegen die Jugend, den der Gealterte [nämlich er selbst] im Leben gründlich erstickt zu haben glaubt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 534).

5. Allerdings: Im Abschnitt »zur Wunscherfüllung« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 525ff) stellt Freud zunächst zwar fest, »dass die Herkunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum anzuregen, nichts ändert« (S. 526), fährt dann jedoch fort: »Ich neige sehr zur Annahme einer strengeren Bedingtheit des Traumwunsches«, könne sie aber »nicht beweisen« (S. 527): »Der Wunsch, welcher sich im Traume darstellt, muss ein infantiler sein«, gibt aber wiederum zu, »diese Anschauung« sei »nicht allgemein zu erweisen« (S. 528). — Die Auflösung des Widerspruchs, dass Freuds Deutungen nicht immer in die Kindheit führen, die Quelle des Wunsches allerdings (möglicherweise) immer infantil sei, ist vielleicht weniger mysteriös, als es zunächst scheint. Alle, auch die komplexen und ästhetisch verfeinerten Wünsche lassen sich bei hinreichender Regression auf archaische Grundbedürfnisse zurückführen, die auch für Kinder gelten. Aber »mit der fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens« werden sie teilweise einer Zensur unterworfen. Der Traumwunsch nun holt sich in Umgehung der Zensur »eine Verstärkung von anderswoher«, nämlich aus der »Wunschregung von der dem Infantilen eigenen Stärke« (S. 527). Dieser Mechanismus erklärt die »Traumerregung«, verlangt jedoch nicht, dass die Analyse immer auf ein Kindheitserlebnis stoßen müsse.

6. Selbst wenn eine Analyse auf ein Kindheitserlebnis deutet, muss es als im Traum erscheinendes aktuell sein: »Der Traum erscheint [...] als Reaktion auf alles, was in der schlafenden Psyche als aktuell [sic] vorhanden ist.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 235. — Die Wunscherfüllung des Traums insgesamt kann sich stets nur auf ein aktuelles, bei Bequemlichkeitsträumen gar auf das unmittelbare Bedürfnis beziehen. Zur Analyse seines »Irma-Traums« notiert Freud: »Der Traum erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten Abends [...] in mir rege gemacht worden sind« (S. 137).

Vorurteil 4: Man halte sich an fixe Symbole!

1. Die erste Ausgabe der »Traumdeutung« von 1900 enthielt gar keine Symbol-Deutung, sie begann 1909; 1911 erweiterte Freud sie, aber noch nicht unter der erst 1914 eingefügten Überschrift »Die Darstellung durch Symbole im Traume«, sondern er subsumierte sie schlicht unter »Typische Träume« (Studienausgabe, Bd. 2, S. 14 und S. 345). Wesentlich angeregt und ausgebaut wurde das Verständnis für die Symbolik des manifesten Trauminhalts durch Wilhelm Stekel (Die Sprache des Traums, 1911), bei dem die Deutung – ähnlich wie bei C.G. Jung – nichts als seiner eigenen Intuition folgt. Freud kritisiert das (ob zur Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt) als »verwilderte Deutungen«, deren »Willkür [...] aus Motiven wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen« sei (S. 348; Zusatz von 1914).

2. Nie nahmen Symbole die zentrale Stellung in Freuds »Traumdeutung« ein. Keineswegs klingt die Diskussion über die Symbole in »typischen Träumen« so, als spreche Freud ihnen eine von der historischen Zeit, dem kulturellen Ort und dem individuellen Lebenszusammenhang des Träumenden unabhängige Bedeutung zu. Die Symbol-Deutung macht die Analyse des Traums ein Stück weit unabhängig vom »Assoziationsmaterial des Träumers«, sie ist eine Art (Not?-) Behelf, eine »auxiliäre Methode der Träumdeutung«, wenn der Träumer kein eigenes Assoziationsmaterial zu seinem Traum liefert. Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1925), Studienausgabe, Bd. 2, S. 247. Ganz allgemein mahnt Freud 1914 »kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole« an, um »eine Rückkehr zur Willkür des Traumdeuters« (S. 348) zu vermeiden.

3. »Da [die Patientin] zu dem Hut [›dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend) und zwar so, dass der eine tiefer steht als der andere‹] in [ihrem] Traum keinen Einfall produzieren kann, sage ich zu ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale. [...] Dass der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar [sic], aber man sagt ja auch: ›Unter die Haube kommen!‹* [...] [Die Träumerin fragt], was es bedeute, dass bei ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1911), Studienausgabe, Bd. 2, S. 355. *Eine bemerkenswerte Assoziation von Freud, denn »unter die Haube bringen« leitet sich nicht von der Kopfbedeckung des Mannes, sondern dem Brauch ab, dass im Mittelalter Frauen ab ihrer Vermählung das Kopfhaar »unter eine Haube bringen«, also verbergen. — Die symbolische Bedeutung erschießt sich im Zusammenhang der Analyse des individuellen Traums. Freud schlägt die Deutung des Hutes als sexuelles Symbol vor, behauptet nicht eine überindividuell objektive Bedeutung des Hutes als Symbol des männlichen Genitales. Der Auslöser für Freuds Deutung ist vermutlich weniger seine spontane Assoziation zu Form oder Funktion des Hutes (die er ja ausdrücklich als »sonderbar«, demnach ihm wohl nicht naheliegend kennzeichnet), eher das Stocken oder Zögern der Patientin bei der Beschreibung. Die Assoziation mit der Redewendung »unter die Haube kommen« (heiraten) verweist unmissverständlich auf einen sprachlich-kulturell eingegrenzten Kontext. Freud spreche Symbolen »konstante Signifikation« (significazione constante) zu und versuche einen »Code von Symbolen« (codice dei simboli) zu erstellen, behauptet demgegenüber, verleitet vielleicht von Jacques Lacan, Umberto Eco (Semiótica e Filosofía del Linguaggio, Turin 1984, S. 207). Worauf auch immer sich diese Feststellung gründet, jedenfalls nicht auf Lektüre des Textes.

4. »Symbolübersetzungen« ohne Mitwirkung des Träumenden, also ohne seine Assoziationen, sind allenfalls »wahrscheinlich«. Sigmund Freud, Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung (1923), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 260.

5. Eine symbolstarke Verschiebung. Anne Faraday (Die positive Kraft der Träume [1972], Bindlach 1996, S. 128) beruft sich auf Calvin S. Hall, »schon die Vielfalt von Sex-Symbolen in der Psychoanalyse« lasse »die Tarnungstheorie ziemlich absurd erscheinen«. »In der psychoanalytischen Literatur fand er allein 102 verschiedene Traumsymbole, die als Tarnungen für den Penis angegeben waren, 95 für die Vagina und 55 für den Geschlechtsverkehr. Wenn sie alle nur Maskierungen für verbotene sexuelle Gedanken wären, würde die Trauminterpretation auf die langweilige Entdeckung reduziert, dass wir alle sexbesessen sind, was uns kaum weiterhelfen würde, selbst wenn es stimmte.« In dem Papier von Calvin S. Hall (A Cognitive Theory of Dream Symbols, in: The Journal of General Psychology, 48 [1953], S. 169-186) finden sich zwar die beeindruckenden Zahlen, nicht aber das behauptete Argument. Vielmehr meint Hall, aufgrund der in der Literatur gegebenen Symbolbedeutungen, die auch vielfach dem normal gebräuchlichen Slang entsprechen, könne jeder schließlich die eigenen Träume leicht deuten. Er selbst führt, karikierend, die Symbolübersetzung an dem Traum einer »jungen Frau« vor; über sie oder ihre Assoziationen zum Traum erfahren wir nichts. Hall zieht dergestalt die »Tarnung« in Zweifel. Die Symbole seien aufgedeckt, es gebe keine Tarnung. Er berichtet, seine Sammlung von tausenden von Träumen habe überdies ergeben, dass Inzest, Vater- und Brudermord etc. mal im manifesten Traum auftauchten, mal »durch die Blume gesagt«. Er vermisst eine Antwort von Freud auf die Frage, warum der psychische Apparat sich der Mühe einer Verschlüsselung durch Symbol unterziehe, wenn doch zu anderen Zeitpunkten dieselbe Sache sich ganz offen ausdrücken lasse. Als ob Freud nicht von einer reduzierten und lückenhaften Zensur gesprochen habe. Als ob Freud nicht darauf hingewiesen habe, dass es auf die jeweils aktuellen Umstände ankomme, was es zu verbergen gelte. Diese aufzudecken, hilft kein Lexikon der Traumsymbole, sondern nur – Analyse. Individuell. Aktuell. In Kontakt. Und wenn Faraday die ihr entspringenden Entdeckungen »langweilig« oder »absurd« findet, schade für sie. Ich enthalte mich weiterer Spekulationen.

6. Ein schönes Beispiel dafür, wie Freud selbst eine un?beabsichtigte Symbolik beim Schreiben unterläuft, ist die Formulierung, »dass der Mann die kleinen Töchter verzärtelt, [während] die Frau den Söhnen die Stange hält«. Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 262.

Vorurteil 3: Deute vollständig!

1. »Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Unerkannten zusammenhängt« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 130). Auch »in den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluss bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Auf einer dichteren Stelle dieses Geflechts erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium« (S. 503). — Ohne Zweifel, Vollständigkeit der Deutung ist nicht nur nicht erforderlich, sondern unmöglich. Neben den bezeichnenden Bildern vom »Nabel« und vom »Pilz« fällt mir noch auf, dass Freud zuerst sagt, »jeder« Traum habe eine unergründliche Stelle, später aber einschränkt, »oft« bleibe eine Stelle im Dunkel. Es scheint sich um eine empirische Feststellung zum Traum, nicht um ein notwendiges Kennzeichen des Traums zu handeln.

2. Wie Freud darauf kommt, dieses nicht aufzuklärende Dunkel liefere »zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge« (S. 503), ist unerfindlich. Denn wenn es nicht aufgeklärt ist, kann logisch gesehen niemand wissen, ob und welchen Beitrag das Detail zu irgendetwas liefert. Zudem scheint es psychologisch wenig wahrscheinlich, dass der Bereich des »Unerkannten« und »Dunklen« ohne Bedeutung sei.

3. »Ich verhehle mir aber keineswegs, dass ich für [eine] Reihe von typischen Träumen eine volle Aufklärung nicht erbringen kann. Mein Material hat mich gerade hierbei im Stich gelassen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 276.

4. Für die Psychoanalyse gilt, dass der Wunsch, einen Traum möglichst vollständig zu deuten, gegenüber den jeweils aktuellen Themen zurücktreten muss: »Wer von der Traumdeutung her zur analytischen Behandlung kommt, der wird sein Interesse für den Inhalt der Träume festhalten und darum jeden Traum, den ihm der Kranke erzählt, zur möglichst vollständigen Deutung bringen wollen. Er wird aber bald merken können, dass er sich nun unter ganz andersartigen Verhältnissen befindet und dass er mit den nächsten Aufgaben der Therapie in Kollision gerät, wenn er seinen Vorsatz ausführen will. [...] Unterdes ist die Kur aber ein ganzes Stück hinter der Gegenwart zurückgeblieben und hat den Kontakt mit der Aktualität [sic] eingebüßt. Einer solchen Technik muss man die Regel entgegenhalten, dass es für die Behandlung von größter Bedeutung ist, die jeweilige psychische Oberfläche [sic] des Kranken zu kennen, darüber orientiert zu sein, welche Komplexe und welche Widerstände derzeit bei ihm rege gemacht sind.« Sigmund Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse (1911), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 151f.

5. »[Man] halte es nicht für einen Verlust, dass man den Inhalt des Traumes nicht vollständig erkannt hat. Am nächsten Tage setze man die Deutungsarbeit nicht wie selbstverständlich fort, sondern erst dann, wenn man merkt, dass inzwischen nichts anderes sich beim Kranken in den Vordergrund [sic] gedrängt hat.« Sigmund Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse (1911), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 152.

6. »Man hüte sich im Allgemeinen davor, ein ganz besonderes Interesse für die Deutung der Träume an den Tag zu legen.« Sigmund Freud, Die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse (1911), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 152.

Vorurteil 2: Der Klient schluckt!

1. Aus der Analyse des eigenen »Traums von Irmas Injektion«: »›Ich mache Irma [einer Freundin und Patientin Freuds] Vorwürfe, dass sie die [von Freud angebotene psychoanalytische] Lösung nicht akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene Schuld.‹ [...] Ich merke [sic] [...] an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, dass ich vor allem nicht schuld sein will an den Schmerzen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 128. — Freud zeigt sich zwar wenig erfreut, dass die Patientin seine »Lösung nicht akzeptiert«, doch zumindest indirekt gesteht Freud hier zu, dass niemand anderes als die Patientin die Deutungshoheit habe.

2. Darüber hinaus behandelt der »Irma-Traum« prototypisch ein Motiv, das bis heute seine Aktualität nicht verloren hat: Die Schuldgefühle, die Trauer und deren Projektion in Hass auf den Kranken, die beim Psychotherapeuten sich genauso einstellen wie beim Arzt, wenn die »Kur« nicht anschlagen will. Noch so oft kann der Arzt sich sagen, »natura sanat, non medicus« (die Natur heilt, nicht der Arzt),* oder der Psychotherapeut, er sei nicht mehr als der »Steigbügelhalter« der vom Klienten selbst zu verantwortenden Prozesse (Erhard Doubrawa und Stefan Blankertz, Einladung zur Gestalttherapie [2000], Wuppertal 2013, S. 23), wenn es zu keinem Erfolg der »Kur« kommt, ist das frustrierend. *In Paul Goodmans Formulierung (Taylor Stoehr verwandte sie als Motto für die durch ihn herausgegebene posthume Sammlung von Goodmans psychologischen Essays 1977 »Nature Heals«). Das vermutlich auf Hippokrates basierende Sprichwort lautet »medicus curat, natura sanat« (etwa: der Arzt behandelt, die Natur heilt).

3. Niemand anderes als die Patientin entscheidet über die Richtigkeit der Deutung: »Da [die Patientin] zu dem Hut [›dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend) und zwar so, dass der eine tiefer steht als der andere‹] in [ihrem] Traum keinen Einfall produzieren kann, sage ich zu ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale. [...] Absichtlich enthalte ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen der beiden Seitenteile. [...] Es ist nun sehr bemerkenswert, wie sich die Träumerin nach dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Huts zurück. [...] Sie schweigt eine Weile und findet dann den Mut zu fragen, was es bedeute, dass bei ihrem Manne ein Hoden tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr [sic] akzeptiert.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1911), Studienausgabe, Bd. 2, S. 355.

4. Diese Darstellung ist auch noch in zweierlei weiterer Hinsicht bemerkenswert: Freud schlägt die symbolische Deutung einerseits erst vor, nachdem die Patientin keine eigene Assoziation zu dem Element »Hut« hat oder preisgibt, quasi als Angebot, keineswegs schon als fertige Deutung. Es handelt sich eher um eine Provokation – aufgehängt möglicherweise an ihrer »stockenden« Beschreibung, nicht an dem Wort »Hut« – als um eine sachlich distanzierte Deutung. Andererseits teilt er der Patientin auch nicht seine vollständige Assoziation zum »Hut« mit. Er wartet ab, ob die Provokation ausreicht, um ihrer eigenen Imagination Raum zu schaffen. »Symbolübersetzungen, die man für wahrscheinlich [sic] hält« sind dem Klienten allenfalls »vorzuschlagen« (Sigmund Freud, Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung [1923], Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 260).

5. Über einen Patienten sagt Freud, er gehöre »einem therapeutisch nicht günstigen Typus« an, »die bis zu einem gewissen Punkt der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da an fast unzugänglich erweisen«. Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1911), Studienausgabe, Bd. 2, S. 358. — Freud hat zwar ein »Ideal des braven, gefügigen Patienten« (S. 130), wie es jedoch sich herausstellt, ist dieses Ideal der Therapie nicht günstig. Auch Freud entsprach dem Ideal nicht. Im Anschluss an die Deutung eines eigenen Traums bemerkt er: »Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen« (S. 133). Wie wunderbar. Willkommen, Widerstand. (Formulierung nach Kristine Schneider, Willkommen Widerstand, in: Gestaltkritik 2/2002.)

6. Nach der Analyse eines eigenen Traums: »Der Traum war mein eigener; ich darf [sic] darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, dass mein Gefühl [sic] durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900), Studienausgabe, Bd. 2, S. 203. — Das Kriterium zur Beantwortung der Frage, ob eine Deutung hinreicht, ist das »Gefühl« des Träumenden.

Vorurteil 1: Der Analytiker deutet!

1. »In der Schrift über Traumdeutung [Oneirocritica] des Artemidoros aus Daldis [...] wird nicht nur auf den Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumers Rücksicht genommen, sodass das nämliche Traumelement für den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kaufmann. [Zusatz 1914:]* Artemidoros aus Daldis [... in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts ...] legte [...] Wert darauf, die Deutung der Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen [...]. Das Prinzip seiner Deutungskunst ist [...] identisch mit der Magie, das Prinzip der Assoziation. Ein Traumding bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, woran es den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, dass das Traumelement den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik, die ich im Folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen wesentlichen Punkte ab, dass sie dem Träumer selbst die Deutungsarbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900/1914), Studienausgabe, Bd. 2, S. 119. *Die vierte Auflage der »Traumdeutung« erschien im Juni wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die fünfte 1919 nach dem Krieg. 1913 hatte Freud mit seinem Waffenbruder C.G. Jung gebrochen, der dann auch bezüglich der Traumdeutung einen eigenen Weg ging. — Was gibt es an dieser Stelle zu kommentieren? Sie ist herrlich klar und eindeutig, zugleich aber auch so überraschend, denn sie stellt, was ich über Freuds »Traumdeutung« zu wissen meinte und überall heftig kritisiert fand, die Deutung durch den Therapeuten nämlich, vom Kopf auf die Füße.

2. Aus einer 1909 eingefügten Beschreibung einer Traumdeutung: »Zur [im Traum vorkommenden] Wiederholung des Namens ›Phenyl‹ berichtet [der Patient]: Alle diese Radikale auf -yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber als ich ihm das Radikal: Schlemihl [jiddisch: Pechvogel] vorschlage [sic], lacht er sehr und erzählt [...].« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1909), Studienausgabe, Bd. 2, S. 376. — Freud schlägt die Assoziation vor, weil der Patient selbst nicht weiterkommt. Erst und nur die Reaktion des Patienten zeugt von der Fruchtbarkeit der von außen kommenden Assoziation.

3. Aus einer 1911 eingefügten Beschreibung einer Traumdeutung: »Die Kranke findet zuerst [...]. Der nächste Einfall bezieht sich auf den Satz: [...]. Sie macht der Mutter den Vorwurf [...] und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes wieder: [...].« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1911), Studienausgabe, Bd. 2, S. 356f. — Hören wir hier nicht schon, wie Fritz Perls prahlt, er »lasse die Klientin sich bei der Arbeit die Finger selbst schmutzig machen«? (Workshop-Protokoll ca. 1968, dokumentiert in: ders., Was ist Gestalttherapie?, Wuppertal 2003, S. 58.)

4. »Ich vermied es sorgfältig, [der Patientin] die Bedeutung der Symbole zu suggerieren.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900; hier: 1914), Studienausgabe, Bd. 2, S. 368.

5. »Symbolübersetzungen« ohne Mitwirkung des Träumenden, also ohne dessen Assoziationen, werden dem Patienten vom Analytiker allenfalls »vorgeschlagen«, sie sind nicht mehr als »wahrscheinlich«. Sigmund Freud, Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung (1923), Studienausgabe, Ergänzungsband, S. 260. — Ann Faraday, Autorin eins der populärsten Traum-Bücher der 1970er Jahre (Dream Power, 1972; dt. Die positive Kraft der Träume [1973], Bindlach 1996), deutet – notgedrungen ohne jegliche Mithilfe des Träumers – verwildert drauf los, in Freuds berühmt-berüchtigtem eigenem »Traum von Irmas Injektion«, an welchem Freud die Traumdeutung demonstriert, enthülle sich »möglicherweise nicht nur [der] Gegenwartswunsch nach geschlechtlicher Beziehung mit [seiner Patientin] Irma«, »sondern auf tieferer Ebene auch ein verdrängter infantiler Wunsch, das gleiche mit seiner eigenen Mutter zu tun« (S. 68). Und das, obwohl sie berichtet, selbst unter Deutungen gelitten zu haben, »die lediglich meinen Analytiker befriedigten« (S. 113). Oder befriedigt sie mit der gegenüber Freud übergriffigen Deutung lediglich ihre infantile Rache für diejenige ihres Analytikers?

6. »So erzählt z.B. [Paul-Max] Simon* (1888) einen Traum, in dem er riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen, Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag und bei den tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat – wie ich ohne alle Unterstützung von Seiten des Autors etwa deuten möchte –, sollte die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein? [Zusatz 1925:] Die obige Deutung auf eine Reminiszenz aus Gullivers Reisen ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie eine Deutung nicht [sic] sein soll. Der Traumdeuter soll nicht [sic] seinen eigenen Witz spielen lassen und die Anlehnung an die Einfälle des Träumers hintansetzen.« Sigmund Freud, Die Traumdeutung (1900/1925), Studienausgabe, Bd. 2, S. 55f. *Paul-Max Simon (1837-1889), Begründer der Kunsttherapie. — Die selbstkritische Anmerkung zeigt, dass Freud auch 1925 die von den Assoziationen des Träumers unabhängige Deutung ablehnte. Zudem offenbart sie einen zur Selbstkritik fähigen Freud, der dabei sich ertappen mag, nicht den von ihm aufgestellten Prinzipien treu zu sein. In »Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci« (1910; Studienausgabe, Bd. 10), einem meiner Lieblingstexte Freuds, werde ich auf die Frage zurückkommen, ob bzw. inwiefern eine Deutung ohne Mithilfe des Träumers möglich sei.

 

Vorweg

1. Dieser Blog begleitet meine umfassende (Re-) Lektüre des ganzen Freud anlässlich des Salon-Jahres 2015 »Wiederkehr des Verdrängten – Psychoanalyse und Gestalttherapie«. Das Interesse am Text: Was sagt er uns heute (noch), wie bringt er uns heute weiter?; es ist kein historisches. Dazu werde ich Widersprüche nicht harmonisieren, sondern produktiv machen. Mit der »Traumdeutung« starte ich.

2. In Freud lese ich kein System hinein, sondern ein Ringen um Erkenntnis heraus. Vielfach gibt Freud zu, dass er die »volle Aufklärung« eines Sachverhaltes »nicht erbringen kann. Mein Material hat mich gerade hierbei im Stich gelassen« (Sigmund Freud, Die Traumdeutung [1900], Studienausgabe, Bd. 2, S. 276); eine »Vermutung erscheint aber noch recht schwer erweislich« (S. 277) oder eine »Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen« (S. 528). Ad-hominem-Angriffe auf Freud bleiben unberücksichtigt.

3. Wo es möglich ist, werden Zitate in der »Studienausgabe« (Frankfurt/M. 1975/2000: Fischer-Verlag) nachgewiesen. (Die »Studienausgabe« bringt Freuds Orthografie auf den Stand von 1975, sodass für mich nichts dagegen spricht, nun die neue deutsche Rechtschreibung zu benutzen.) Bei jedem Text ist das Jahr der Erstausgabe oder, bei posthum erschienen Werken, das der wahrscheinlichen Abfassung vermerkt.

4. In der Psychotherapie ist es inzwischen üblich, vom »Klienten« statt wie Freud vom »Patienten« zu sprechen. Das Wort »Patient« entstand im 16. Jahrhundert als Bezeichnung für einen Kranken in ärztlicher Behandlung aus dem lateinischen »patiens«, erduldend, geduldig, leidend (derselbe Stamm wie »Passion«). »Klient« hat allerdings keine glücklichere Etymologie. Das Wort leitet sich, ebenfalls im 16. Jahrhundert, her aus der Bezeichnung für den Auftraggeber eines Rechtsanwaltes. Der lateinische Ursprung lautet »cliens«, zunächst ein zu Dienstleistungen verpflichteter, halbfreier »Hintersasse« einer Familie, die ihn in Not schützt und vor Gericht vertritt; später steht der Begriff für einen ärmeren Bürger, der sich einem Patron anschließt. Im Mittellateinischen bedeutet »clientare«, jemanden zum Abhängigen zu machen.

5. Statt von »Therapie« (entstanden im 18. Jahrhundert, aus altgr. θεραπεία »therapeia«, Dienst, Pflege, Heilung) spricht Freud von »Kur« (16. Jahrhundert, entstanden aus lat. »cura«, Sorge, Fürsorge, Pflege); sehr schön.

6. Ach, übrigens auch das noch vorweg: Eine gendergemainstreamte Sprache mit »Binnen-I« o.ä. lehne ich ab. Poetische, aufklärerische Sprachspiele dagegen sind zu begrüßen. Ich bin »Wortmetz« – eine Berufsbezeichnung, mit der ich Arno Schmidt folge, dem Schriftsteller, der Freuds Theorie in Literatur übersetzt hat – und die Ästhetik des Ausdrucks spielt für mich keine untergeordnete Rolle. »Ein starker und skrupulöser Stil ist eine Methode der Entdeckung. Ein unfreundlicher Kritiker könnte das kommentieren mit ›Du meinst wohl, dass wahr sei, was gut klingt‹. Darauf würde ich in unfreundlichem Ton antworten: ›Ja.‹ Mein Vertrauen in die Umgangssprache und den literarischen Prozess sind sicherlich – als Ursache oder als Wirkung – eng verbunden mit meiner politischen Neigung. Ich bin anarchistisch und agitatorisch und ich bin konservativ und traditionell. So verhält es sich mit guter Sprache« (Paul Goodman, Verteidigung der Dichtung [1971], in: ders., Einmischung, hg. v. Stefan Blankertz, Bergisch Gladbach 2011, S. 148).